Befreit die Unschuldige – Die wahre Schuldige ist die Stiefmutter!4 min czytania.

Dzielić

Die schweren Doppeltüren des Gerichtssaals flogen mit einem lauten Krachen auf, das durch den ganzen Raum hallte. Ein vierjähriges Mädchen in einem schmutzverschmierten rosa Kleid und ohne Schuhe rannte den Mittelgang entlang. “Emma tat nichts!”, schrie sie aus Leibeskräften.

Der Richter hob seinen Hammer, erstarrte jedoch. Das Gemurmel im Saal verstummte schlagartig. Alle Blicke richteten sich auf die kleine Gestalt in der Mitte des Raumes – zerzaustes Haar, rote Wangen vom Laufen. Emma, die auf der Anklagebank saß, spürte, wie ihr Herz stehen blieb. Die Tränen, die sie wochenlang zurückgehalten hatte, brachen nun hervor.

“Sophia”, flüsterte Emma. Das Mädchen drehte sich zu ihr um. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Dann, mit einer Entschlossenheit, die in einem so kleinen Wesen nicht sein sollte, hob Sophia ihren zitternden Finger und zeigte auf die erste Reihe.

“Sie war es”, sagte sie mit brüchiger, aber klarer Stimme. “Meine Stiefmutter.”

Valerie Schneider saß reglos in ihrer schwarzen Trauerkleidung, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. Ihr Gesicht zeigte den gespielten Kummer, den sie während des gesamten Prozesses zur Schau gestellt hatte – doch in ihren Augen war etwas anders. Panik sickerte durch wie Wasser durch einen Riss.

Der Richter schlug dreimal mit dem Hammer. “Ruhe! Ruhe im Saal!”, rief er über dem entstandenen Chaos. Er verkündete eine 30-minütige Pause. Doch noch bevor jemand reagieren konnte, rannte Sophia zu Emma. Die Sicherheitskräfte wollten sie aufhalten, doch Emmas Anwalt hob die Hand. “Sie ist die Tochter des Opfers”, murmelte er zum Richter.

Emma beugte sich so weit vor, wie es ihre Handschellen zuließen. Sophia klammerte sich an ihre gefesselten Hände und flüsterte etwas, das nur Emma hören konnte:

“Ich habe alles gesehen. Ich weiß, was sie getan hat.”

Sechs Monate zuvor war alles noch anders gewesen. Die späte Abendsonne fiel durch die Fenster des Wohnzimmers der Familie Bauer und ließ die Mahagonimöbel und persischen Teppiche leuchten, die Robert auf einer seiner Geschäftsreisen gekauft hatte. Sophia saß auf dem Boden, umgeben von Puppen, spielte aber nicht. Stattdessen beobachtete sie die Erwachsenen auf dem Sofa, als wären sie Schauspieler in einem Stück, das sie nicht verstand.

“Sophia, mein Schatz, komm her”, sagte Robert mit jener besonderen Stimme, die er benutzte, wenn er ihre volle Aufmerksamkeit wollte. “Ich möchte dir jemanden vorstellen.”

Die Frau neben ihm war hübsch – kastanienbraunes, glänzendes Haar wie eine Märchenprinzessin und ein teuer wirkendes blaues Kleid. Als sie lächelte, blitzten ihre weißen Zähne. “Hallo, Kleine”, sagte sie und beugte sich vor. “Ich bin Valerie. Dein Vater und ich werden bald heiraten.”

Sophia blickte verwirrt zu ihrem Vater. “Heißt das, du musst nicht mehr so oft verreisen?”

Robert lachte und hob sie hoch. “Das bedeutet, dass Valerie bald deine neue Mama sein wird. Ist das nicht wunderbar?”

Sophia war sich unsicher. Ihre echte Mutter war gestorben, als sie zwei Jahre alt war. Doch Emma war immer für sie da gewesen – hatte ihr Gutenachtgeschichten vorgelesen, sie getröstet, wenn sie Albträume hatte.

Valerie breitete die Arme aus. “Komm her, Kleine. Wir werden so glücklich sein.”

Als Sophia näher kam, umarmte Valerie sie – doch die Umarmung fühlte sich seltsam an, kalt, wie eine große Puppe. Sie roch nach teurem Parfüm, doch darunter lag etwas anderes, etwas, das Sophia nicht einordnen konnte, das sie aber instinktiv davonlaufen lassen wollte.

Von der Küchentür aus beobachtete Emma die Szene. Sie arbeitete seit drei Jahren in diesem Haus, seit Frau Elena gestorben war. Sie hatte Sophias erste Schritte miterlebt, ihre ersten Worte nach dem Unfall. Für sie war Sophia mehr als nur ein Job – sie war wie die Tochter, die sie nie hatte.

Etwas an Valeries Blick beunruhigte sie. Immer wenn Robert sich nach Dokumenten umdrehte oder ein Telefonat annahm, verschwand Valeries Lächeln. Ihre Augen musterten das Mädchen, als wäre es ein Problem, das gelöst werden musste.

Die folgenden Monate wurden zum Albtraum. Valerie isolierte Sophia systematisch, entließ das Hauspersonal und konstruierte Beweise gegen Emma. Doch als Robert plötzlich an einem “Herzinfarkt” starb und Emma des Mordes angeklagt wurde, brach Sophia aus ihrem Gefängnis aus – schmutzig, verängstigt, aber entschlossen.

Sie erreichte das Gericht und stürmte hinein, just als Valerie ihren manipulativen Auftritt beendet hatte.

“Emma hat nichts getan!”, schrie sie. “Valerie hat gelogen!”

Die Wahrheit kam ans Licht. Valerie, die bereits einen früheren Ehemann unter ähnlichen Umständen verloren hatte, wurde verhaftet. Emma wurde freigesprochen, und Sophia fand endlich Sicherheit in den Armen der einzigen Mutter, die sie je gekannt hatte.

Monate später, in einem neuen Zuhause, spielte Sophia wieder im Garten. Sie hatte ihre Lebensfreude zurückgewonnen.

“Emma”, sagte sie eines Nachmittags, “wenn ich groß bin, werde ich Anwältin.”

“Warum, mein Schatz?”

“Damich Leuten wie dir helfe. Damit die Wahrheit immer gewinnt.”

Und Emma wusste: Dieses kleine Mädchen, das so tapfer gekämpft hatte, würde eines Tages die Welt verändern.

Leave a Comment