Ich kann weder lesen noch schreiben, war nie in der Schule und unterschreibt mit einem „X“.
Ich lebe von 600 Euro im Monat, die ich mit dem Sammeln von Dosen, Pappe und Plastikflaschen verdiene.
Um 600 Euro zusammenzubekommen, muss ich etwa 600 Kilo Material im Monat sammeln.
Zwanzig Kilo am Tag. Sieben Tage die Woche.
Es ist harte, schwere und manchmal demütigende Arbeit.
Aber es ist alles, was ich habe.
Am Dienstag, dem 14. März 2024, um 6 Uhr morgens, war ich wie immer in meinem Viertel, dem Frankfurter Nordend, und durchsuchte die Mülltonnen der Wohnhäuser.
Ich öffnete eine große, schwere Mülltüte – meist ein schlechtes Zeichen, denn schwere Tüten enthalten oft verdorbene Lebensmittel.
Aber ich öffnete sie trotzdem.
Darin fand ich einen dunkelblauen Schulranzen. Alt, aber mit Reißverschluss verschlossen.
Ich öffnete ihn.
Und sah Geld.
Sehr viel Geld.
Stapel von 100- und 50-Euro-Scheinen, mit Gummibändern zusammengehalten.
Ich kann nicht richtig rechnen, aber ich wusste: Das war ein Vermögen.
Ich sah mich um. Die Straße war leer.
Ich schob den Ranzen in meinen Handwagen, deckte ihn mit Pappe zu und ging nach Hause.
Um 8 Uhr morgens rief ich meine Nachbarin, Frau Schmidt, die lesen und rechnen kann.
„Schmidt, hilf mir, das hier zu zählen.“
Als sie den Ranzen öffnete, wurde sie blass.
Sie brauchte vierzig Minuten, um alles zu zählen.
„Joana… hier sind 180.000 Euro.“
Ich blinzelte, verwirrt.
„Wie viel ist das?“
„Das sind dreihundert Monate deines Lohns. Fünfzehn Jahre Arbeit.“
Stille erfüllte den Raum.
Ich sah das Geld und dann mein kleines Holzhaus: undichtes Dach, kaputter Herd, alter Kühlschrank.
Mit 180.000 Euro könnte ich alles reparieren.
Ich könnte Jahre lang nicht arbeiten.
Ich könnte nach München fahren, um meine Tochter zu besuchen.
Aber ich schüttelte nur den Kopf.
„Schmidt, das gehört mir nicht. Jemand muss verzweifelt nach diesem Geld suchen.“
Um 10 Uhr morgens ging ich mit dem Ranzen zur 14. Polizeidienststelle in Frankfurt.
Der Beamte musterte mich: eine Müllsammlerin, abgetragene Kleidung, Geruch von Abfall, ein alter Ranzen in den Händen.
„Ja, meine Dame? Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich habe das im Müll gefunden. Da ist Geld drin. Viel Geld. Ich muss den Besitzer finden.“
Der Beamte öffnete den Ranzen und erstarrte.
„Sie wollen das zurückgeben?“
„Ja. Es gehört mir nicht.“
Die Polizei zählte es: 180.400 Euro.
Der Beamte erklärte:
„Ohne Papiere, ohne Identifikation… nach 90 Tagen wäre dieses Geld rechtlich Ihres.“
Ich verstand nicht ganz, antwortete aber:
„Dann komme ich jeden Tag, bis wir den Besitzer finden.“
Und das tat ich.
Tag 1: „Ist der Besitzer aufgetaucht?“
Tag 2: „Und heute?“
Tag 3, 4, 5, 6… jeden Tag um 10 Uhr morgens kam ich zurück.
Die Beamten waren jedes Mal gerührter.
„Diese Frau verdient 600 Euro im Monat und sucht den Besitzer von 180.000.“
Am 7. Tag veröffentlichte die Polizei die Geschichte in den sozialen Medien:
„In Frankfurt-Nordend wurde ein dunkelblauer Ranzen mit 180.000 Euro gefunden. Die Finderin möchte ihn zurückgeben. Melden Sie sich mit Nachweisen, wenn Sie ihn verloren haben.“
Der Post ging viral:
240.000 Mal geteilt, 3,2 Millionen Aufrufe.
Und am 9. Tag passierte etwas, das mein Leben für immer verändern sollte.
Früh am Morgen kam ein Mann, etwa 40, atemlos in die Wache, mit Dokumenten, Bankbelegen und Überwachungsaufnahmen seines Wohnhauses.
Er war ausgeraubt worden.
Die Diebe hatten den Ranzen genommen, weil sie dachten, sein Laptop sei darin.
Als sie merkten, dass es nur Geld war – einen Teil für die OP seiner Mutter, den Rest für Schulden – warfen sie ihn weg.
Die Polizei rief mich.
Als der Mann den Ranzen sah, brach er in Tränen aus.
„Sie haben meiner Mutter das Leben gerettet. Ich finde keine Worte, um Ihnen zu danken.“
Ich lächelte nur.
„Gehen Sie in Frieden. Was Ihnen gehört, soll zu Ihnen zurückkehren.“
Die Geschichte verbreitete sich in ganz Deutschland.
Zeitungen, Radio und Fernsehen wollten mich interviewen.
Menschen im ganzen Land waren von meiner Ehrlichkeit berührt.
Innerhalb von Tagen kamen Spenden: Essen, Möbel, Haushaltsgeräte, Baumaterial.
Eine Gruppe Freiwilliger startete eine Spendensammlung: über 220.000 Euro kamen zusammen, mehr als ich zurückgegeben hatte.
Mit Hilfe der Gemeinschaft renovierte ich mein Haus, bekam einen neuen Kühlschrank, einen neuen Herd, ein richtiges Bett und ein dichtes Dach.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten konnte ich einige Tage ruhen, ohne an die nächste Mülltour denken zu müssen.
Als man mich fragte, warum ich das Geld zurückgab, antwortete ich:
„Weil ich mir wünschen würde, dass jemand es mir zurückgibt, wenn es meins wäre. Gott gab mir wenig… aber er gab mir ein Gewissen.“
Heute lebe ich noch immer einfach, aber mit mehr Würde, Komfort und Anerkennung.
Meine Geschichte erinnert daran, dass wahre Ehrlichkeit nichts mit Reichtum zu tun hat, sondern mit den Entscheidungen, die wir treffen.
Und so wurde eine Frau, die fast nichts hatte, zum Symbol für das, was wirklich zählt.



