Kleines Mädchen flüstert Bikern ihren verzweifelten Wunsch zu – und die ganze Diner erstarrt6 min czytania.

Dzielić

**Teil 1**

**Kapitel 1: Die Stille des Wolfes**

Man gewöhnt sich an die Stille.

Das ist das Erste, was sie einem nicht sagen, wenn man das Patch bekommt. Sie erzählen von der Bruderschaft, der freien Straße, dem Respekt und der Gefahr. Aber sie erwähnen nicht die Stille. Es ist eine ganz besondere Art von Ruhe – die Sorte, die die Luft aus einem Raum saugt, sobald die Stiefel über die Schwelle treten.

Ich saß in einer Ecke des „Alten Fritz“, einer kleinen Kneipe an einem staubigen Abschnitt der Bundesstraße 96 in Brandenburg. Ein Ort, der nach altem Kaffee, Bratenfett und Zitronenreiniger roch. Ein Relikt aus einer Zeit, die langsam verschwand, mit abblätternder Farbe und flackernden Neonlichtern.

Ich nahm viel Platz ein. Zwei Meter groß, hundertvierzig Kilo, ein Riese mit Bart und einer Kutte, die neunundneunzig Prozent der Leute abschreckte. Meine Patches waren mit Blut und Kilometern verdient, das Leder vom Wind und Regen weichgegerbt.

Als ich eintrat, verstummten nicht nur die Gespräche – sie erstarben.

Das Paar in der Ecke ließ sich los, ihre Blicke fielen auf die Teller.

Der Fernfahrer an der Theke hörte auf, seine Eier zu kauen, die Hand griff instinktiv zur Tasche.

Die Kellnerin, eine ältere Dame namens Marlene, die alles schon gesehen hatte, nickte mir nur zu. Sie wusste, dass ich gut Trinkgeld gab. Dass ich nicht da war, um Ärger zu machen. Ich wollte nur Sauerbraten und die Ruhe der Straße.

Doch für alle anderen? Ich war eine Statistik. Eine Bedrohung. Ein wandelndes Verbrechen.

Ich starrte in meinen schwarzen Kaffee, beobachtete den aufsteigenden Dampf und versuchte, die Blicke zu ignorieren, die mir in den Nacken brannten. Es ist manchmal ein einsames Leben. Man baut eine Mauer aus Leder und Lärm um sich, doch in der Stille fragt man sich, ob man sich nicht selbst eingesperrt hat.

Dann klingelte die Türglocke.

Die Atmosphäre verschob sich nicht – sie zerbrach.

Es war kein Polizist. Kein Rivale aus einem anderen Club.

Es war ein kleines Mädchen.

Sie war höchstens sechs Jahre alt, trug ein rosa Kleid, das bessere Tage gesehen hatte – voller Schmutz und Flecken, die nach Traubensaft oder vielleicht getrocknetem Blut aussahen. Ihre Turnschuhe waren abgetragen, die Schnürsenkel mehrfach verknotet.

Ihr Haar war ein wirrer Blondschopf, der seit Tagen keine Bürste gesehen hatte.

Die Kneipe erstarrte. Selbst das Summen des Kühlschranks schien zu verstummen.

Sie stand in der Tür, musterte den Raum. Ihre Augen waren groß, blau und voller Angst. Sie wirkte wie ein Reh im Scheinwerferlicht, zitternd vor einer Energie, die zu groß war für ihren kleinen Körper.

Sie sah den Fernfahrer an. Dann das Paar.

Dann blickte sie mir in die Augen.

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Normalerweise verstecken sich Kinder hinter ihren Müttern, wenn sie mich sehen. Sie weinen. Sie zeigen mit dem Finger. Sie fragen, warum der Mann wie ein Bär aussieht.

Dieses Mädchen versteckte sich nicht.

Sie holte tief Luft, richtete die Schultern und begann zu gehen.

Sie marschierte über den karierten Fußboden, vorbei am verängstigten Paar, an der erstarrten Marlene.

„Schätzchen, störe den Herrn nicht“, flüsterte Marlene mit zitternder Stimme. „Komm her, ich hol dir ein Glas Milch.“

Das Mädchen ignorierte sie. Sie blinzelte nicht einmal.

Sie blieb vor meinem Tisch stehen. Ihre Nase reichte gerade so über die Tischkante.

Ich hielt den Atem an. Bewegte mich nicht. Ich wollte sie nicht erschrecken, obwohl mein bloßes Dasein meist reichte. Ich ließ meine Hände auf dem Tisch liegen, sichtbar, die Handflächen nach oben.

Sie musterte mich lange, als würde sie mich einschätzen. Dann grub sie ihre kleine, schmutzige Hand in die Tasche und warf eine Handvoll Kleingeld auf den Tisch neben mein Stück Kirschkuchen.

Das Geräusch hallte durch den Raum. Laut wie ein Schuss in der Bibliothek.

Ein zerknitterter Fünf-Euro-Schein. Zwei Fünfzig-Cent-Stücke. Ein glänzender Cent.

**Kapitel 2: Der Vertrag**

Sie sah mir direkt in die Augen. Ihre Unterlippe zitterte, doch ihr Blick war fest. Tief unter der Angst brannte ein Feuer.

„Bist du ein Rocker?“ Ihre Stimme war dünn, hoch und am Zerbrechen.

Ich setzte meinen Kaffee langsam ab, kontrollierte jede noch so kleine Bewegung.

„Ich gehöre zu einem Club“, brummte ich. Meine Stimme klang wie Schotter, selbst wenn ich mich bemühte, sanft zu sein. „Warum fragst du, Kleine?“

„Mein Papa…“, sie zögerte, wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab und hinterließ einen Schmutzfleck auf der Wange. „Mein richtiger Papa hat gesagt, ihr seid Monster. Dass alle Angst vor euch haben. Dass ihr Leute verletzt.“

Die Stille im Raum war zum Schneiden. Ich spürte die Blicke der anderen, die darauf warteten, dass ich ausraste, dass das Monster zum Vorschein kam. Sie erwarteten, dass ich sie anschreien oder wegschicken würde.

„Was willst du, Kleines?“ fragte ich, diesmal leiser. Ich beugte mich leicht vor, um die Kluft zwischen unserer Welten zu überbrücken.

Sie schob das Geld mit einem Finger zu mir.

„Ich will dich anheuern.“

Ich blinzelte. Unter meinem Bart entspannte sich mein Kiefer. Man hatte mir schon für vieles Geld angeboten – Schutz, Transport, Einschüchterung. Aber noch nie von einem sechsjährigen Kind.

„Mich anheuern?“

„Fünf Euro und einundfünfzig Cent“, flüsterte sie. Tränen liefen über ihre schmutzigen Wangen. „Damit du mich nach Hause bringst.“

Ich sah das Geld an. Wahrscheinlich ihr ganzes Erspartes. Der Cent war poliert, als hätte sie ihn für Glück gerieben.

„Warum brauchst du mich, um nach Hause zu gehen?“ fragte ich, während sich ein Kloß in meinem Magen bildete. „Wo ist deine Mama?“

„Mama ist zu Hause“, schluchzte sie. „Aber… der böse Mann ist auch da.“

Die Luft wurde eisig. Die Kneipe fühlte sich plötzlich eng an.

„Wer?“, knurrte ich. Das Wort kam rauer heraus, als ich wollte.

„Mein Stiefvater“, weinte sie, ihre Fassung brach endgültig. „Er schlägt wieder Sachen kaputt. Er hat den Fernseher geworfen. Mama weint auf dem Boden und steht nicht auf. Ich… ich kann ihn nicht aufhalten.“

Sie sah mich flehend an. Ihre Hände zitterten.

„Ich brauche ein Monster“, schluchzte sie. „Ein Monster, das ihn verjagt. Bitte. Er tut ihr weh. Er hat gesagt, er bringt sie um.“

Die Stille war ohrenbetäubend. Doch diesmal war die Angst nicht auf mich gerichtet. Es war Entsetzen. Die schreckliche Erkenntnis, dass das Böse nicht in der Kutte am Tisch saß – sondern in einem Haus, das sicher sein sollte.

Ich sah auf den zerknüllten Fünf-Euro-Schein.

Auf den blanken Cent.

Dann auf ihre blauen Flecken. Ich hatte sie zuerst nicht bemerkt, versteckt unter dem Schmutz. Ein dunkler Schatten am Kiefer. Fingerabdrücke an ihrem Arm.

Mein Herz pochte vor Wut, nicht vor Angst. Ein heißer, blendender Zorn,”Und als wir gemeinsam die Straße entlanggingen, ein ungleicher Trupp aus einem Riesen, einem Fernfahrer und einem Buchhalter, wusste ich, dass die wahre Stärke nicht im Alleingang liegt, sondern in den Händen, die sich im Dunkeln finden, um ein kleines Licht zu schützen.”

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