Die neue Sekretärin erstarrte, als sie ihr Kinderfoto im Büro des Chefs sah…5 min czytania.

Dzielić

Die neue Sekretärin erstarrte, als sie ihr Kinderfoto im Büro ihres Chefs entdeckte. Der Aufzug glitt schnell nach oben durch das gläserne Hochhaus, das den blauen Himmel Berlins spiegelte. Luisa Weber drückte die Mappe mit ihrem Lebenslauf an ihre Brust und ging mental alle Ratschläge durch, die ihre Mutter ihr an diesem Morgen gegeben hatte. In ihren jungen Jahren war sie noch nie so nervös gewesen. Dieser Job würde alles verändern. 35. Stock. Schneider & Partner. verkündete die metallische Stimme des Aufzugs.

Luisa atmete tief durch, strich ihren schwarzen Rock glatt – das einzige formelle Kleidungsstück, das sie besaß – und ging entschlossen zur Rezeption. Ihre Absätze klackten auf dem Marmorboden, während sie die diskrete Eleganz der angesehensten Kanzlei der Stadt betrachtete. „Guten Morgen, ich bin Luisa Weber, die neue Sekretärin von Herrn Schneider“, sagte sie mit einer Sicherheit, die sie weit davon entfernt war zu fühlen.

Die Rezeptionistin, eine mittelalterliche Frau mit makelloser Frisur, musterte sie über den Rand ihrer Brille hinweg. „Sie kommen gerade rechtzeitig. Herr Schneider hasst Verspätungen. Frau Meier wartet bereits auf Sie.“

Luisa folgte Frau Meier, einer älteren Dame mit freundlichem, aber scharfem Blick. Durch die Flure, in denen Anwälte in teuren Anzügen leise über Millionenfälle sprachen. Eine völlig andere Welt als ihre, in der jeder Monat ein Kampf war, um die Medikamente ihrer Mutter zu bezahlen.

„Herr Schneider ist sehr anspruchsvoll“, erklärte Frau Meier, während sie ihr den Schreibtisch zeigte. „Pünktlichkeit, perfekte Organisation und absolute Diskretion. Unterbrechen Sie ihn niemals während wichtiger Telefonate.“

Luisa nickte und prägte sich jede Anweisung ein. „Wann werde ich ihn kennenlernen?“

„Er erwartet Sie bereits für Ihre erste Einweisung.“ Frau Meier senkte die Stimme. „Er wirkt kalt, aber so ist er mit allen.“

Das Büro von Herrn Schneider war genau, wie sie es erwartet hatte: elegant, zurückhaltend und einschüchternd. Große Fenster boten einen Panorama-Blick auf die Stadt, dunkle Holzregale bedeckten zwei Wände, und ein massiver Schreibtisch beherrschte den Raum.

Hinter diesem Schreibtisch saß ein 53-jähriger Mann und unterschrieb Dokumente, ohne den Blick zu heben. Sein graumeliertes, perfekt gekämmtes Haar und der maßgeschneiderte Anzug schrien Macht und Geld. Als er schließlich aufsah, durchfuhr Luisa ein unerklärliches Frösteln.

Sein Blick war durchdringend – graue Augen, seltsam traurig. „Fräulein Weber“, sagte er mit tiefer Stimme. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Luisa gehorchte und bemerkte, dass er sie kaum direkt ansah. Ihr Lebenslauf sei bescheiden, erklärte er, aber die Empfehlungen exzellent. Sie versprach, sich ebenso einzusetzen wie in ihrem Studium.

Doch während er ihre Aufgaben erklärte, verlor sie den Faden. Auf seinem Schreibtisch stand ein silberner Bilderrahmen mit einem vergilbten Foto – einem vierjährigen Mädchen in einem weißen Kleid, das eine Sonnenblume hielt.

Es war sie.

Die Welt schien stillzustehen. Dasselbe weiße Kleid mit Spitze, das ihre Mutter in einer Schachtel aufbewahrte. Dieselbe Sonnenblume, die sie damals im Park gepflückt hatte. Dasselbe Foto – bis hin zum kleinen Fleck in der Ecke.

„Hören Sie überhaupt zu, Fräulein Weber?“

Seine Stimme riss sie zurück in die Gegenwart. Sie rang nach Luft, ihre Beine zitterten unter dem Tisch. „Entschuldigung, ich…“, stammelte sie, unfähig, den Blick von dem Foto zu lösen.

Herr Schneider folgte ihrem Blick – und sein Gesicht erstarrte. Ein Schatten von Schmerz flog durch seine Augen. „Fühlen Sie sich unwohl? Sie sind blass.“

Mit zitterndem Finger deutete Luisa auf das Bild. „Dieses Foto… Wer ist das?“

Schweigen. Dann eine Stimme, die merkwürdig gebrochen klang. „Etwas Persönliches. Es ist unwichtig.“

Aber sie wussten beide, dass das eine Lüge war.

„Sie können gehen. Frau Meier wird den Rest erklären.“

Der Rest des Tages verging wie im Nebel. Frau Meier führte sie ein, zeigte ihr das Archivsystem, erklärte die Arbeitszeiten. Doch Luisas Gedanken kreisten nur um das Foto. Wie war es möglich? Was machte ihr Bild im Büro des mächtigsten Mannes der Kanzlei?

Als sie am Abend das Gebäude verließ, war es bereits dunkel. Die U-Bahn war überfüllt, der Bus ließ sie drei Straßen von ihrem Zuhause entfernt aussteigen – einem bescheidenen Viertel im Süden der Stadt. Das silberne Rahmenbild verließ ihre Gedanken nicht.

Zuhause war es klein, aber gemütlich. Luisa drehte den Schlüssel leise, um ihre Mutter nicht zu wecken – doch sie fand sie in der Küche, wo sie Tee aufbrühte.

„Wie war es, mein Schatz?“ fragte Elisabeth, 51, mit einem Lächeln, das ihr von der Krankheit gezeichnetes Gesicht erhellte.

„Gut, denke ich.“

Elisabeth studierte sie. „Was ist los? Irgendetwas stimmt nicht.“

Luisa setzte sich und nahm die Teetasse, die ihre Mutter ihr hinstellte. „Herr Schneider hat ein Foto von mir auf seinem Schreibtisch.“

Die Tasse entglitt Elisabeths Händen und zersplitterte am Boden. Ihr Gesicht wurde kreidebleich. „Wie bitte?“

„Das Foto mit der Sonnenblume. Es ist dasselbe wie in deiner Schachtel.“

Elisabeth stützte sich auf den Tisch, als würden ihre Beine sie nicht mehr tragen. Ihre Augen, so ähnlich wie die ihrer Tochter, füllten sich mit Tränen. „Das kann nicht sein. Es kann nicht er sein.“

„Kennst du Herrn Schneider?“

Elisabeth antwortete nicht. Langsam stand sie auf und ging in ihr Zimmer. Luisa folgte ihr und sah, wie ihre Mutter eine kleine Metallkiste unter dem Bett hervorholte. Mit zitternden Händen schloss sie sie auf.

Darin lagen ihre wertvollsten Erinnerungen: vergilbte Briefe, eine Haarsträhne, ein schlichtes Silberring – und das Foto, genau wie das im Büro von Thomas Schneider.

Elisabeth hielt es in ihren Händen, als enthielte es alle Geheimnisse des Universums.

„Es gibt etwas, das ich dir nie über deinen Vater erzählt habe, Luisa“, sagte sie schließlich mit brüchiger Stimme. „Es ist Zeit, dass du die Wahrheit erfährst.“

Die Nacht senkte sich über Berlin, und in einem kleinen Haus im Süden stand ein seit Jahrzehnten gehütetes Geheimnis kurz davor, ans Licht zu kommen – und das Leben aller Beteiligten für immer zu verändern.

[Fortsetzung folgt…]

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