Der Asphalt von München schien nicht nur Hitze auszustrahlen, er wirkte, als wäre er wütend auf die ganze Welt. Es war ein Dienstag Ende September, einer dieser Tage, an denen das Thermometer über 39 Grad kletterte und die Luft so schwer war, dass sie sich anfühlte, als könnte man sie kaum noch atmen.
Ich rannte. Wieder einmal.
Mein Name ist Patricia Schneider, aber alle nennen mich Patti. Ich bin sechzehn Jahre alt, und mein Leben besteht momentan aus verpassten Minuten und zweiten Chancen. Ich drückte einen Stapel Geschichtsbücher an meine Brust, spürte, wie der Schweiß mir den Rücken hinunterlief und mein weißes Schulbluse durchtränkte. Meine Schuhe – abgewetzte Loafers, die ich vor drei Jahren im Secondhand-Laden gekauft hatte – klatschten hektisch auf das Pflaster.
*Klatsch, klatsch, klatsch.*
Ich warf einen Blick auf mein Handy mit dem zersprungenen Display. 7:52 Uhr. Der erste Gong läutete um 8:00 Uhr. Ich war noch sechs Blocks entfernt.
Die Worte von Direktor Bauer hallten in meinem Kopf wider, vermischt mit der drückenden Hitze. *„Fräulein Schneider, das Stipendium ist für Schülerinnen, die nicht nur akademisch, sondern auch in puncto Pünktlichkeit glänzen. Noch eine Verspätung, und wir müssen Ihren Platz an jemanden von der Warteliste vergeben.“*
Die Warteliste. Eine Liste voller Kinder, die wahrscheinlich eigene Autos hatten oder Eltern, die sie zur Schule fuhren, oder Wecker, die nicht jedes Mal zurückgesprungen sind, wenn im Plattenbau mal wieder der Strom ausfiel.
„Das darf nicht passieren“, flüsterte ich der leeren Straße zu, meine Kehle trocken wie Schmirgelpapier. Das Stipendium zu verlieren hieße, zurück auf die staatliche Schule zu müssen. Es hieße, meine einzige Chance auf ein Studium zu verspielen. Es hieße, mein Leben lang Doppelschichten im Waschsalon mit meiner Mutter zu schieben.
Ich bog in die Rosenheimer Straße ein. Normalerweise war hier viel los, aber die Hitze hatte alle ins Haus getrieben. Die Gehwege waren leer. Die Rollläden der Läden waren heruntergelassen, als wollten sie sich vor der Sonne verstecken.
Dann hörte ich es.
Zuerst dachte ich, es wäre eine Katze. Ein schwaches, winselndes Geräusch, kaum hörbar über dem Brummen einer weit entfernten Klimaanlage. Ich rannte weiter, die Augen auf die nächste Ampel gerichtet. Doch dann kam das Geräusch wieder.
*Eh-hhe… eh-hhe…*
Es war keine Katze. Es war ein menschliches Geräusch. Ein keuchendes, verzweifeltes Schnappen nach Luft.
Ich blieb stehen. Mein Schwung trug mich fast noch weiter, aber meine Füße blieben wie angewurzelt auf dem Beton. Ich riss meine Kopfhörer aus den Ohren und drehte mich um. Die Straße war still, abgesehen von der flirrenden Hitze, die über den parkenden Autos stand.
„Hallo?“, rief ich. Meine Stimme brach.
Stille.
Dann kam das Geräusch wieder. Leiser diesmal. Es kam von einem schwarzen Mercedes G-Klasse, der illegal in einer Ladezone stand, direkt in der prallen Sonne. Das Auto wirkte wie eine Festung, undurchdringlich. Die Scheiben waren so stark getönt, dass sie wie schwarze Spiegel aussahen.
Ich trat näher. Die Hitze, die von dem schwarzen Metall ausging, schlug mir wie eine Welle entgegen.
Ich presste mein Gesicht an die hintere Seitenscheibe, legte die Hände um die Augen, um das grelle Licht abzuschirmen. Zuerst sah ich nur mein eigenes Spiegelbild – zerzauste Haare, panische Augen, ein Schweißtropfen, der mir die Nase hinunterkullerte.
Dann gewöhnten sich meine Augen an das Dunkel im Inneren.
Mein Herz setzte aus.
Da war ein Kindersitz. Und darin – ein Baby. Es war winzig, vielleicht zehn Monate alt. Es schrie nicht laut, weil es keine Kraft mehr hatte. Sein Gesicht war dunkelrot, erschreckend wie eine Rübe. Seine Haare klebten am Kopf, und sein Mund stand offen, als würde er nach Luft schnappen wie ein Fisch an Land.
„Mein Gott“, zischte ich.
Ich schlug mit der Faust gegen die Scheibe. „Hey! Ist da jemand? Hallo!“
Das Glas fühlte sich an, als würde es mich verbrennen. Das Baby reagierte nicht. Seine Augen waren halb geschlossen, die Pupillen verdreht.
Panik durchfuhr mich, eiskalt und scharf. Ich sah mich um. „Hilfe! Gehört das Auto jemandem?!“
Niemand. Nur die leeren, von der Sonne ausgebleichten Gehwege.
Ich versuchte die Tür. Verriegelt. Auch die Fahrertür. Verriegelt.
Ich sah das Baby an. Sein Brustkorb hob sich kaum noch. Ich erinnerte mich an den Bericht vom letzten Sommer – ein Kleinkind in Hamburg. Zwanzig Minuten. Mehr brauchte es nicht in dieser Hitze. Das Innere des Autos musste über 50 Grad haben, vielleicht mehr. Es kochte.
Ich sah auf mein Handy. 7:56 Uhr.
Wenn ich jetzt losrannte, könnte ich es noch schaffen. Ich könnte den Gong hören, wäre pünktlich. Ich könnte mein Stipendium retten. Ich könnte so tun, als hätte ich nichts gesehen. Irgendjemand anderes würde auftauchen. Der Besitzer war bestimmt nur im Bäcker um die Ecke, oder?
Doch dann zuckte die Hand des Babys. Ein winziger, schwacher Krampf.
Es starb. Genau jetzt, direkt vor meinen Augen, starb es.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich – dem Universum, Direktor Bauer, meiner Mutter.
Ich ließ meine Bücher auf den schmutzigen Bürgersteig fallen. Ich suchte verzweifelt nach einem Stein, einem Werkzeug, irgendetwas. Die Straße war zu sauber.
Dann sah ich sie. Eine Baustelle mit groben Flusssteinen rund um einen Baum.
Ich stürzte hin, griff nach einem Stein, so groß wie eine Honigmelone. Er war schwer, scharfkantig in meinen Händen. Ich rannte zurück zum Mercedes.
Eine Sekunde lang zögerte ich. Das war ein Hunderttausend-Euro-Auto. Wenn ich falsch lag – wenn die Klimaanlage lief und ich sie nur nicht hörte – würde man mich verhaften. Meine Familie würde verklagt werden. Wir hatten nichts. Man würde uns den letzten Cent nehmen.
Doch dann sackte der Kopf des Babys nach vorn. Es bewegte sich nicht mehr.
„Nein“, knirschte ich. „Nein, nein, nein.“
Ich packte den Stein mit beiden Händen. Schlug zu.
*KRACH.*
Das Geräusch war ohrenbetäubend. Die Scheibe splitterte nicht sofort, sondern hielt sich noch einen Moment wie ein Spinnennetz, bevor sie nachgab. Der Alarm heulte auf – *HUUP-HUUP-HUUP* – ein greller Lärm, der zwischen den Häusern widerhallte.
Ich wartete nicht. Ich griff durch die zerbrochene Scheibe. Ein Glassplitter schnitt mir in den Unterarm, ein stechender Schmerz, den ich ignorierte. Ich tastete nach dem Türschloss.
Die Tür ging auf, und die Hitze, die herausströmte, traf mich wie ein Föhn. Es roch nach heißem Leder und saurer Milch.
Ich löste mit zitternden Fingern den Gurt. Die Schnalle war glühend heiß, brannte mich fast, aber ich bekam ihn auf. Ich hob das Baby heraus.
Es lag schwer in meinen Armen. Seine Haut war trocken, fühlte sich an wie eine Herdplatte. Es schwitzte nicht mehr. Das war schlimm. Sehr schlimm.
„Alles okay“, keuchte ich, drückte es an mich, während meine Bluse sofort die Hitze von seinem Körper aufnahm. „Ich hab dich. Du bist raus.“
EsUnd in diesem Moment, als ich sein kleines Leben in meinen Händen hielt, wusste ich, dass kein Stipendium der Welt wichtiger war als dieses hier.



