**Tagebucheintrag:**
Als mein Vater uns verließ, riss mich meine Stiefmutter aus dem höllischen Gefängnis des Kinderheims.
Meine Kindheit war ein leuchtendes Märchen – eine starke, liebevolle Familie in einem kleinen, windschiefen Haus am Ufer der Elbe, nicht weit vom Städtchen Hameln. Wir waren zu dritt: ich, Mama und Papa. In der Luft lag der Duft von Mamas frisch gebackenen Brötchen, und abends erzählte Papa von seinen Abenteuern am Fluss. Doch das Schicksal ist ein gnadenloser Jäger, und es holt einen ein, wenn man es am wenigsten erwartet. Eines Tages wurde Mama krank – ihr Lachen verstummte, ihre Hände zitterten, und bald lag sie in einem kalten Krankenbett in Hannover. Sie schwand dahin, ließ uns zurück in einem Meer aus Schmerz. Papa begann zu trinken, ertränkte seine Seele in billigem Schnaps, und unser Zuhause verwandelte sich in eine Ruine, übersät mit Glasscherben und stummer Verzweiflung.
Der Küchenschrank war leer, ein stummer Zeuge unseres Niedergangs. Ich schleppte mich in die Schule in Hameln, in schmutziger Kleidung, mit einem vor Hunger knurrenden Magen. Die Lehrer schimpften wegen unerledigter Hausaufgaben, aber wie hätte ich lernen können, wenn ich nur daran dachte, den Tag zu überstehen? Freunde wandten sich ab, ihr Geflüster schnitt tiefer als ein Messer, und die Nachbarn sahen mich mitleidig an. Schließlich rief jemand das Jugendamt. Strenge Frauen stürmten ins Haus, bereit, mich aus den zitternden Händen meines Vaters zu reißen. Er brach vor ihnen in die Knie, schluchzte und flehte um eine letzte Chance. Sie gaben ihm einen Monat – ein strohhalmdünnes Seil über dem Abgrund.
Dieser Besuch erschütterte Papa. Taumelnd ging er einkaufen, brachte Lebensmittel mit, und gemeinsam schrubbten wir das Haus, bis ein schwacher Schimmer der alten Wärme zurückkehrte. Er schwor, mit dem Trinken aufzuhören, und in seinen Augen blitzte etwas von dem Mann auf, den ich einst kannte. Ich begann, an ein Wunder zu glauben. Eines Tages, als der Wind gegen die Fensterläden peitschte, murmelte Papa, er wolle mich jemandem vorstellen. Mein Herz zuckte – hatte er Mama schon vergessen? Er versicherte mir, dass niemand sie ersetzen könne, aber dies sei unsere Rettung vor dem Jugendamt.
So betrat Tante Greta mein Leben.
Wir fuhren zu ihr nach Göttingen, in ein altes Haus an der Elbe, umgeben von knorrigen Birken. Greta war ein Wirbelwind – gütig, aber mit unbeugsamer Kraft, ihre Stimme ein Rettungsanker, ihr Blick ein Leuchtturm. Sie hatte einen Sohn, Erik, zwei Jahre jünger als ich, ein drahtiger Junge, dessen Lachen die Kälte vertrieb. Wir verstanden uns sofort – rasten durch die Straßen, lagen am Ufer, bis wir vor Erschöpfung umfielen. Auf dem Heimweg sagte ich Papa, Greta sei wie ein Sonnenstrahl, und er nickte schweigend. Wochen später packten wir unsere Sachen, vermieteten unser Haus und zogen nach Göttingen – ein verzweifelter Versuch, neu anzufangen.
Langsam fand das Leben wieder Halt. Greta kümmerte sich so liebevoll um mich, dass die Wunden langsam verheilten – sie flickte meine zerrissenen Hosen, kochte dicke Erbsensuppe, und abends saßen wir zusammen, während Eriks Witze die Stille durchbrachen. Er wurde mein Bruder – nicht durch Blut, sondern durch gemeinsamen Schmerz. Wir stritten, träumten, versöhnten uns – unsere Treue brauchte keine Worte. Doch Glück ist ein zerbrechlicher Gast, und das Schicksal liebt es, es zu zerschlagen. An einem frostigen Morgen kehrte Papa nicht zurück. Ein Anruf zerschnitt die Stille – er war tot, von einem Lkw auf der vereisten Straße erfasst. Der Schmerz fraß mich wie ein wildes Tier, ließ mich kaum atmen. Das Jugendamt kam zurück, kalt und gnadenlos. Ohne rechtlichen Vormund riss man mich aus Gretas Armen und steckte mich ins Kinderheim in Hannover.
Das Heim war ein Gefängnis der Hoffnungslosigkeit – graue Wände, eisige Betten, erfüllt vom Seufzen verlorener Seelen. Die Zeit kroch, jede Minute ein Schlag gegen die Seele. Ich fühlte mich wie ein Geist, unsichtbar und vergessen, gequält von Albträumen ewiger Einsamkeit. Doch Greta gab nicht auf. Jeden Sonntag kam sie mit Brot, gestrickten Schals und eisernem Willen, mich zurückzuholen. Sie kämpfte wie eine Löwin – stürmte Büros, füllte Formulare aus, ihre Tränen tropften auf die Papiere, während sie sich durch die bürokratischen Fesseln kämpfte. Monate verstrichen, und die Verzweiflung nagte an mir; ich fürchtete, in diesem Loch zu verrotten. Doch eines Morgens sagte die Heimleiterin: „Pack deine Sachen. Deine Mutter ist da.“
Ich trat hinaus und sah Greta und Erik am Tor – ihre Gesichter strahlten vor Hoffnung und Trotz. Meine Knie gaben nach, als ich in ihre Arme stürzte, Schluchzen brach aus mir wie ein Sturm. „Mama“, flüsterte ich, „danke, dass du mich aus diesem Grab geholt hast! Ich schwöre, dein Opfer war nicht umsonst!“ In diesem Moment verstand ich: Familie ist nicht nur Blut – es ist die Seele, die für dich kämpft, bis zum letzten Atemzug.
Ich kehrte nach Göttingen zurück, in mein Zimmer, in die Schule. Das Leben fand seinen ruhigen Lauf – ich machte Abitur, studierte in Hannover, fand Arbeit. Erik und ich blieben unzertrennlich, unsere Verbindung ein Fels in der Brandung. Wir wurden erwachsen, gründeten eigene Familien, doch Greta – unsere Mama – blieb unser Anker. Jeden Sonntag stürmen wir ihr Haus, wo sie uns Erbsensuppe und Bratkartoffeln vorsetzt, ihr Lachen verschmilzt mit den Stimmen unserer Frauen, die ihre Freundinnen wurden. Manchmal, wenn ich sie ansehe, überkommt mich grenzenlose Dankbarkeit für dieses Wunder.
Ich werde dem Schicksal ewig dankbar sein für diese zweite Mutter. Ohne Greta wäre ich verloren – auf der Straße verkommen oder in der Dunkelheit zerbrochen. Sie war mein Licht im tiefsten Schatten, und ich werde nie vergessen, wie sie mich vom Rand des Abgrunds riss.



