Als Kind vergessen: Die unerwarteten Retter in meiner größten Not6 min czytania.

Dzielić

**Tagebucheintrag**

Ich beobachtete Frau Bergmanns Rücken, als sie im Büro verschwand. Die schwere Tür fiel mit einem Geräusch ins Schloss, das sich erschreckend endgültig anfühlte. Die Stille, die den Raum füllte, war diesmal dichter, schwerer.

Nur ich war noch da.

Herr Ludwig, der Nachtwächter, kam kurz darauf heraus und schob seinen quietschenden Müllwagen vor sich her. Er winkte mir traurig zu, und ich versuchte zurückzuwinken, aber mein Arm fühlte sich zu schwer an. Dann ging er durch die Seitentür, und ich hörte das metallische Klirren, als er sie von außen verschloss.

Ich war offiziell die letzte Person in der Ludwig-Uhland-Grundschule. Außer der netten Sekretärin, die verzweifelt versuchte, jemanden zu finden – irgendjemanden –, der sich an mich erinnerte.

Ich zog die Knie an die Brust und schlang die Arme darum. Die Metallbank war jetzt kalt, die Wärme des Sommertags längst verflogen, ersetzt durch eine kühle Abendbrise, die nach Staub und Autos roch. Die Schatten, die vorher lang und gespenstisch gewesen waren, waren jetzt nur noch… dunkel. Der ganze Schulhof ein Meer aus Schwarz, nur unterbrochen vom schwachen, flackernden Licht der Straßenlaterne über mir.

Ich zog meinen Rucksack auf den Schoß und fummelte am Reißverschluss. Meine Finger waren kalt. Ich holte das Foto heraus. Es war zu einem dicken Quadrat gefaltet, die Falten weich und weiß vom vielen Auf-und-Zumachen.

Es war vom Abschiedsgrillen für meinen Vater vor drei Monaten.

Mein Vater, Markus, stand stolz in seiner Uniform, sein Lächeln so breit, dass sich seine Augen zu Schlitzen verengten. Sein Arm lag um die Schultern von Onkel Heinrich, der noch größer und breiter war als mein Vater. Heinrich grinste auch, sein buschiger schwarzer Bart zuckte. Onkel Benno stand auf der anderen Seite, schlaksig und ernst, aber ich sah das Lächeln in seinen Augen. Hinter ihnen etwa zwanzig andere Männer, alle in ihren Motorradklamotten, die Arme umeinander geschlungen, vor einer Reihe glänzender schwarzer Maschinen.

Sie sahen so hart aus. Aber ich erinnerte mich an diesen Tag.

Ich erinnerte mich, wie Onkel Heinrich mich auf Papas Motorrad hob, seine rauen Hände dabei sanft wie Watte. *„Du bist ein Naturtalent, Mäuschen“*, hatte er gegrummelt, seine Stimme wie rollende Felsbrocken. Onkel Benno zeigte mir einen geheimen Handschlag, und Onkel Falk zeigte mir den Adler, der auf seinen Tank gemalt war.

Sie waren die Familie meines Vaters. Und er hatte sie schwören lassen. *„Passt auf mein Mädchen auf“*, hatte er gesagt, seine Stimme brüchig.

*„Als wär’s unser eigenes, Bruder“*, hatte Heinrich versprochen und meinen Vater in eine Umarmung gehoben, die ihn vom Boden abhob. *„Du machst, was du tun musst. Wir kümmern uns um sie.“*

Ich drückte das Foto. Was, wenn sie es vergaßen? Tina hatte es vergessen. Sie hatte auch versprochen. Mit kleinem Finger. Was, wenn Onkel Heinrich es vergaß? Was, wenn er Frau Bergmann hörte und nur fragte: *„Wer?“*

Mein Bauch tat weh. Ich hatte Hunger, aber es war mehr als das. Ein kaltes, hohles Gefühl. Das Gefühl, vergessen worden zu sein.

Die Bürotür ging auf, und ich zuckte zusammen.

Frau Bergmann stand im Türrahmen, ihr Gesicht vom Licht des Büros hinter ihr erhellt. Ich konnte ihren Ausdruck nicht deuten. Mein Herz machte einen schmerzhaften Doppelschlag.

*„Lina“*, sagte sie leise.

Ich brachte kein Wort heraus. Ich starrte sie nur an, bereit für das Schlimmste. Bereit für ihre Worte: *„Schatz, niemand hat abgenommen. Wir müssen das Jugendamt anrufen.“*

Sie kam zu mir und kniete sich auf den kalten Betonboden. Ihre Knie knackten. Sie holte tief Luft. Ihr Gesicht war nicht mehr traurig. Nicht mehr besorgt. Es war… etwas anderes. Etwas, das ich nicht benennen konnte.

*„Lina“*, sagte sie noch mal. *„Okay. Ich… Ich habe jemanden erreicht.“*

Mir blieb die Luft weg.

*„Ein Mann namens Heinrich?“*

Die Welt, die grau und kalt gewesen war, explodierte in Farbe.

*„Onkel Heinrich?“*, platzte es aus mir heraus wie ein Luftballon.

Ein zitterndes Lächeln erschien auf Frau Bergmanns Lippen. *„Ich… Ich glaube schon. Er klang… sehr besorgt, Schatz. Sehr… äh… bestimmt.“*

Sie schien nach dem richtigen Wort zu suchen.

*„Als ich ihm deinen Namen sagte und dass du allein hier bist, war da… eine lange Pause. Und dann sagte er – ganz deutlich – ‚Wir kommen sofort. Lassen Sie sie nicht aus den Augen. Wir sind in fünfzehn Minuten da.‘“*

Fünfzehn Minuten.

*„Er… er wusste, wer ich war?“*, flüsterte ich, Tränen verschleierten das gelbe Licht über ihrem Kopf.

*„Oh, Schatz“*, sagte sie, jetzt selbst mit dicker Stimme. *„Er wusste genau, wer du warst. Er fragte, ob du verletzt bist. Ob sie dir wehgetan hat. Er… er klang sehr wütend, Lina. Aber nicht auf dich. Überhaupt nicht. Er sagte: ‚Sag Mäuschen, ihre Onkel kommen.‘“*

Mäuschen.

Der Name, den mein Vater für mich hatte. Den er ihnen beigebracht hatte.

Ich war nicht vergessen. Nicht vergessen. Ich war Mäuschen.

Die Erleichterung war so groß, dass mir die Luft wegblieb. Ein Schluchzen entwand sich mir, das ich nicht bemerkt hatte, und ich warf mich Frau Bergmann in die Arme. Sie hielt mich fest, ihre Hand strich über meinen Rücken.

*„Sie kommen, Kleine“*, murmelte sie in mein Haar. *„Sie kommen.“*

Wir warteten. Die fünfzehn Minuten fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Frau Bergmann gab mir den Rest ihrer Apfelschnitze und ein Müsliriegel aus ihrer Schublade. Der Zucker ließ meine Hände aufhören zu zittern.

Wir saßen zusammen auf der Bank, unter dem flackernden Licht.

*„Frau Bergmann?“*, fragte ich mit dünner Stimme.

*„Ja, Schatz?“*

*„Warum… warum vergisst Tina mich? Liegt das an mir?“*

Sie sah mich ernst an, ihr Blick fest. *„Oh, nein. Nein, Lina. Niemals. Das ist nicht und wird niemals deine Schuld sein.“* Sie strich mir über das Haar. *„Manchmal… verlieren sich Erwachsene, Schatz. Sie verstricken sich in ihre eigenen Probleme und vergessen, was wichtig ist. Das ist ihr Versagen, nicht deins.“*

Ich versuchte, das zu verstehen. Aber alles, was ich wusste, war: Der wichtigste Mann in meinem Leben war am anderen Ende der Welt, und die Person, die ihn ersetzen sollte… tat es nicht.

Und dann hörte ich es.

Zuerst nur ein Gefühl. Eine Vibration in der Metallbank unter mir. Brumm…

*„Was ist das?“*, fragte Frau Bergmann und sah sich um.

Ich sprang auf. Ich konnte es in meinen Füßen spüren, durch den Beton. Ein dumpfes, fernes Summen. Wie Bienen. Viele Bienen.

Es wurde lauter.

Das Summen wurde zu einem Grollen. Ein tiefes, in der Brust vibrierendes RRRRRUUUMMM.

Ich kannte diesen Klang. Ich spürte ihn in meinen Knochen. Es war der Klang von Papas Grillabenden. Der Klang von Sicherheit.

*„Das sind sie“*, flüsterte ich und starrte die dunkle Straße hinunter.

Das GrollDie Lichter der Motorräder tauchten wie ein riesiger, schützender Sternenhimmel auf, und als Onkel Heinrich mich auf den Tank seines BMW hob, wusste ich, dass ich nie wieder allein sein würde.

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