Anna Schröder kehrte zwei Tage nach der Beerdigung in das alte Haus ihrer Großmutter in Freiburg im Breisgau zurück. Die Räume fühlten sich kälter an als in ihrer Erinnerung, als ob die Luft selbst spürte, dass die einzige Wärme dieses Hauses verblasst war. Langsam ging sie durch das Wohnzimmer, ihre Augen glitten über die mit alten Familienfotos bedeckte Wand – Hochzeitsbilder, verblasste Porträts, Geburtstagsfeiern, an die sie sich kaum erinnerte.
Ihre Großmutter, Elfriede Schröder, hatte ihre Hand im Krankenhaus fest umklammert und ihre letzten Worte geflüstert:
„Anna… schau hinter die Bilder.“
Damals hatte Anna gedacht, es sei das Delirium einer sterbenden Frau. Aber der Blick ihrer Großmutter – klar, dringend – verfolgte sie nun.
Sie trat näher an das erste Bild. Ihre Hände zitterten leicht, als sie den Holzrahmen vom Nagel hob. Nichts. Nur eine saubere Fläche mit hellerer Farbe. Beim nächsten dasselbe. Wieder nichts. Doch sie machte weiter, getrieben von etwas, das sie nicht benennen konnte – Angst, Hoffnung oder vielleicht das Bedürfnis, der einzigen Person Ehre zu erweisen, die sie je beschützt hatte.
Beim achten Bild spürte ihre Finger etwas, das auf der Rückseite festgeklebt war. Ein verschlossener brauner Umschlag.
Darin lagen sorgfältig gefaltete Dokumente. Beim ersten Blatt stockte ihr der Atem –
Eine Eigentumsurkunde über ein 4 Hektar großes Grundstück im Schwarzwald, überschrieben auf Anna Schröder. Datiert auf ihren vierzehnten Geburtstag.
Sie hatte es noch nie gesehen.
Ihr Puls raste, als sie einen kleineren blauen Umschlag hervorzog, ebenfalls versiegelt. Vorne stand in der Handschrift ihrer Großmutter:
„Falls mir etwas zustößt, gehört dies nur Anna.“
Sie öffnete ihn.
Darin lagen ein USB-Stick, ein einseitiger Brief und eine Liste mit Namen – darunter ihr Vater, Klaus Schröder, ihre Stiefmutter, Beate, und jemand, den sie seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gehört hatte: Herr Bauer, ihr Lehrer aus der Mittelstufe, der nach einem „Vorfall“ mit ihr entlassen worden war. Anna erinnerte sich an die Wut ihres Vaters, das Geschrei, die Polizei – doch damals war sie zu jung gewesen, um es zu verstehen.
Aber der Brief in ihrer Hand ließ sie auf das Sofa sinken, die Knie weich.
„Anna, der Vorfall mit Herrn Bauer war nicht das, was man dir erzählt hat. Ich habe Beweise für die Wahrheit. Bewahre den USB-Stick sicher auf. Und sei vorsichtig – dein Vater wird alles tun, um die Wahrheit zu begraben.“
Anna starrte den Stick an, während sich eine eisige Faust um ihr Herz legte.
Gerade als sie nach ihrem Laptop griff, tauchten Scheinwerferlicht vor dem Fenster auf –
Das Auto ihres Vaters.
Und er kam auf das Haus zu.
Annas Herz klopfte heftig, als Klaus Schröder sich mit dem Ersatzschlüssel, den er nie zurückgegeben hatte, ins Haus schloss. Sein Blick glitt durch den Raum, als suchte er etwas Verstecktes.
„Was machst du hier allein?“, fragte er.
Anna zwang sich, ruhig zu bleiben. „Ich räume nur auf. Oma hat viel hinterlassen.“
Klaus’ Augen fielen auf den USB-Stick auf dem Couchtisch, bevor sie ihn verstecken konnte. Sein Kiefer spannte sich. „Wo hast du den her?“
„Aus ihren Sachen“, antwortete sie mit neutraler Stimme.
Er trat näher, die Stimme leise. „Anna… manche Dinge lässt man besser ruhen.“
Ein kalter Druck breitete sich in ihrem Magen aus. Die Warnung ihrer Großmutter fühlte sich plötzlich schmerzhaft real an.
Sobald er nach oben ging – angeblich, um „den Dachboden zu checken“ – packte Anna ihren Laptop, steckte den Stick in die Tasche und schlich zur Hintertür hinaus. Sie fuhr direkt in einen Café, das rund um die Uhr geöffnet hatte, und öffnete die Dateien.
Da waren Aufnahmen. Daten, die sie wiedererkannte. Nächte, in denen sie sich in den Schlaf geweint hatte. Videos von ihrem Vater, wie er sie anschrie, doch der schockierendste Clip war aus der Schule –
Klaus Schröder allein im Flur, wie er eine Flasche Alkohol in Herr Bauers Schreibtisch schob. Eine weitere Aufnahme zeigte, wie er den Lehrer vor der Schule bedrohte.
Die Wahrheit traf sie mit voller Wucht:
Ihr Vater hatte einen Unschuldigen belogen, um sich selbst zu schützen.
Aber wovor?
Die Antwort lag in einem Ordner mit dem Namen: „Für Anna – wenn du alt genug bist.“
Darin waren Fotos –
Bilder von Anna als Kind mit blauen Flecken an den Armen.
Heimlich von ihrer Großmutter aufgenommen.
Medizinische Berichte, die Elfriede gesammelt hatte.
Und ein letztes Dokument: eine handschriftliche Erklärung von Herrn Bauer, in der er beschrieb, wie er versucht hatte, den Missbrauch zu melden, aber Klaus ihm gedroht hatte, sein Leben zu ruinieren.
Annas Hände zitterten, als sie sich den Mund bedeckte.
Ihre Großmutter hatte jahrelang Beweise gesammelt.
Ihr Handy vibrierte.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer:
„Ich habe gehört, dass Elfriede gestorben ist. Es ist Zeit, dass wir reden. – Bauer.“
Annas Atem stockte. Er lebte. Noch immer im Schwarzwald.
Sie fuhr zu der Adresse, die er ihr gab – eine kleine Hütte nahe der Grenze. Die Tür öffnete sich, bevor sie klopfen konnte. Herr Bauer stand dort, älter, sanfter, mit einem Blick voller Mitgefühl statt Groll.
„Deine Großmutter sagte mir, du würdest eines Tages kommen“, sagte er leise.
In der Hütte stand eine Kiste. Eine große. Gefüllt mit noch mehr Dokumenten – Kopien von allem, was Elfriede gesammelt hatte, plus neue Unterlagen, die Bauer selbst besorgt hatte.
Doch ein Fund ließ Anna erstarren:
Ein Foto ihrer Mutter, aufgenommen in der Nacht, bevor sie „die Treppe hinunterfiel“.
Und der Mann, der hinter ihr im Bild stand –
war Klaus.
Anna starrte auf das Foto, ihre Kehle wurde eng. Ihre Mutter, Inge Schröder, war gestorben, als Anna neun war. Ihr Vater hatte immer beteuert, es sei ein Unfall gewesen – Inge sei „ungeschickt“ gewesen, hatte er gesagt. Sie sei mit Wäsche in den Händen auf der Treppe ausgerutscht.
Doch das Bild in Annas zitternden Händen erzählte eine andere Geschichte.
Inge stand in der Küche, Angst in den Augen. Hinter ihr umklammerte Klaus ihren Arm so fest, dass die Haut gerötet war.
Bauer setzte sich neben Anna. „Deine Großmutter glaubte nie, dass Inges Tod ein Unfall war. Sie hat Jahre gebraucht, um Nachforschungen anzustellen. Doch jeder, der mit deinem Vater zu tun hatte – Polizei, Staatsanwälte – hat sie abgewimmelt.“
„Warum?“, flüsterte Anna.
„Weil Klaus nicht bloß dein Vater war“, antwortete Bauer. „Er hatte Verbindungen. Freunde in der Staatsanwaltschaft. Jemand Mächtiges half, den Vorfall verschwinden zu lassen.“
Anna spürte, wie sich der Raum drehte. „Also hat er sie umgebracht?“
Bauer antwortete nicht direkt. Stattdessen reichte er ihr einen Umschlag mit der Aufschrift „Obduktion – korrigiert“.
Darin lag ein Schreiben eines pensionierten Gerichtsmediziners, der zugab, unter Druck gesetzt worden zu sein, den Bericht in der Nacht von Inges Tod zu ändern.
Anna stand abrupt auf. „Ich muss zur Polizei.“
Bauer legte eine ruhige Hand auf ihre. „Das wirst du. Aber du brauchst jemanden, der nicht bestAnna atmete tief durch, steckte die Beweise ein und ging mit Bauer zur Tür hinaus, entschlossen, die Wahrheit endlich ans Licht zu bringen – für ihre Mutter, ihre Großmutter und alle, die ihr Vater zum Schweigen gebracht hatte.



