Braucht der Herr eine Magd?” fragte die Bettlerin. Doch als er das Mal an ihrem Hals sah, blieb die Zeit stehen.4 min czytania.

Dzielić

Die Stimme war scharf wie ein Rasiermesser im Wind, hart und verzweifelt und so kalt, dass man sie kaum hören konnte.

„Herr? Bitte… Herr, brauchen Sie eine Haushaltshilfe? Ich kann alles machen.“

Karl Weißbach blieb nicht stehen. Er war spät dran, die Schultern angespannt von einer Besprechung, die sich über drei Stunden hingezogen hatte. Seine polierten Schuhe knirschten auf dem Kies des Hofes, als er mit fester Hand den schweren schmiedeeisernen Torriegel packte. Bettler begegneten jeden Tag. Sein Reichtum war ein Leuchtturm für die Verzweifelten, und er hatte gelernt, Mauern zu bauen, so hoch wie die, die sein Anwesen umgaben.

„Bitte…“

Die Stimme brach. Nicht das Wort hielt ihn auf. Es war das Geräusch danach. Ein schwaches, ersticktes Wimmern. Nicht von dem Mädchen, sondern von dem Bündel in ihren Armen.

Er drehte sich widerwillig um. „Ich habe kein Bargeld. Sie sollten ins Obdachlosenheim –“

Dann verstummte er.

Es war nur ein Mädchen, vielleicht zwanzig oder einundzwanzig. Ihr Gesicht war aschfahl, verschmiert mit Straßenschmutz, und eingefallen, als hätte es ein tiefes Loch verschluckt. Sie presste einen Wickel aus zerschlissenen Decken gegen ihre Brust, und darin regte sich eine kleine, blasse Faust. Ein Baby. Ihre Schwester, wie sie gesagt hatte.

Die Frau schlug ihren groben Arbeitsrock gegen die Beine. Nicht zitternd, sondern vibrierend, als hätte man ein Kabel in ihr zu fest angezogen. Doch sie wich seinem Blick nicht aus. Ihre Augen, weit und entschlossen, trafen die seinen. Nicht der Blick einer Bettlerin. Der Blick eines Soldaten auf einem verlorenen Schlachtfeld, der sich weigerte, aufzugeben.

Und dann sah er es.

Gerade unter ihrem Ohr, wo der Kragen ihres Kleides gewaltsam aufgerissen war, lag ein kleiner, halbmondförmiger Muttermal.

Karl Weißbach vergaß zu atmen. Seine Hand, die schon nach dem Türgriff gegriffen hatte, erstarrte am eisernen Metall.

Er kannte diese Marke.

Er wusste es.

Die Welt um ihn löste sich auf. Die Kleidung, der Kies, das Mädchen – alles verschwand, ersetzt durch den Geruch von Schienen und das Echo von Schreien. Er war einundzwanzig und stand in der düsteren Diele desselben Hauses, sah, wie das Gesicht seines Vaters vor Wut purpurrot anlief. Seine kleine Schwester, Margarete, weinte, klammerte sich an eine Wiege, so offen, flehend.

„Sie will nicht den Namen dieser Familie, Vater! Sie will keine Märchen! Aber ich werde es nicht loswerden!“

„Du bist meine Tochter. RAUS!“

Er erinnerte sich, wie Margarete sich zu ihm umdrehte, mit flehenden Augen. „Karl, bitte. Lass es nicht zu.“ Und er hatte nichts getan. Geschwiegen, während die Wachen seines Vaters seine Schwester in den Sturm hinauswarfen.

Sie war verschwunden. Sie hatten gesucht, natürlich. Er hatte Millionen und unzählige Stunden darauf verwendet, sie zu finden, um die Schuld zu lindern, die in ihm fraß. Doch sie war gut. Margarete und das Baby, das sie nicht hatte hergeben wollen. Das Baby, erinnerte er sich, hatte den Arzt gesagt, trug einen kleinen halbmondförmigen Muttermal am Hals.

Sein Herz schlug so hart, dass es schmerzte. Er sah das Mädchen an. Es konnte nicht sein. Nach all der Zeit… hier.

„Woher hast du das?“, fragte er. Seine Stimme war schrill, rau, nicht seine eigene.

Das Mädchen – Lina – blinzelte, erschrocken von seiner plötzlichen Bewegung. Sie zog den Kragen hoch, entschlossen, den Blick auf die Tür gerichtet, als würde sie ihre Fluchtchancen abschätzen.

„Was?“

„Die Marke. Zeig mir deinen Hals.“

Ihre Hand zuckte zurück. „Das? Ich… ich war damit geboren, Herr.“

Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag. Er klammerte sich an das schmiedeeiserne Tor, die Kälte des Metalls biss in seine Handfläche, während er sich an eine Vergangenheit klammerte, die plötzlich und gewaltsam zurückgekehrt war.

„Wie heißt du?“, fragte er.

„Lina, Herr.“

„Und das Baby?“

„Sophie. Meine Schwester.“ Sie drückte das Baby fester. „Herr, entschuldigen Sie die Störung. Ich gehe. Es ist nur… sie hat seit gestern nichts gegessen. Ich kann putzen. Kochen. Alles machen…“

Sophie. Der Name seiner Mutter.

Es war zu viel. Ein Zufall war unmöglich. Es war Schicksal, das an seine Tür klopfte.

„Komm herein“, sagte Karl, leise, wie ein Befehl.

Lina wich sichtlich zurück. Ihre Angst war greifbar. Sie hatte gelernt, erkannte er, dass Männer mit Macht und Trauer keine Helfer waren – sie waren eine Gefahr.

„Ich… Herr, ich brauche nur Arbeit. Oder Essen. Ich kann nicht –“

„Ich frage nicht.“ Seine Stimme war nun sanfter, aber immer noch hart vor Dringlichkeit. Er riss das Tor auf. „Komm. Rein. Jetzt. Deine Schwester friert.“

Sie zögerte eine Sekunde länger, suchte in seinem Gesicht nach einem Trick, einer Falle. Sie fand eine Antwort. Sie sah nur einen Mann, der sie ansah, als hätte er ein Gespenst gesehen.

Mit zitternden Armen trat Lina über die Schwelle.

Die Wärme des Hauses traf sie wie eine Mauer. Überwältigend, dick, schwer von dem Geruch nach Samt und Politur. Sie taLina hielt Sophie fest und spürte, wie ein Funke Hoffnung in ihr aufstieg – vielleicht war dies endlich der Beginn einer neuen Familie.

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