Die Kristallgläser klirrten noch, als plötzlich Stille den Saal erfüllte. Fünfzig hochrangige Gäste drehten sich verwirrt um – und sahen dasselbe Bild: Der zweijährige Lukas, Sohn eines wohlhabenden Hotelmagnaten, lief über den Marmorboden, rot angelaufen vor Tränen, und stürzte sich in die Arme der… Putzfrau.
„Mama!“, schluchzte er mit brüchiger Stimme.
Das Wort hallte wie eine Bombe nach.
Der Junge – der seit dem Tod seiner Mutter vor über einem Jahr kein Wort mehr gesprochen hatte – hatte sein Schweigen gebrochen, und ausgerechnet eine Frau in grauer Schürze, mit schlichtem Pferdeschwanz und einem Wischmop in der Hand, „Mama“ genannt.
Johanna erstarrte. Ihre Seele sackte in die Knie, als Lukas sich verzweifelt an ihre Beine klammerte und sein Gesicht in ihrer Schürze vergrub, als wäre es der sicherste Ort der Welt.
„Ma… ma…“, wiederholte er schluchzend.
Die Gäste tauschten verstörte Blicke aus. Rodrigos Mutter presste die Hand auf ihr Herz. Rodrigo – Eigentümer einer der größten Hotelketten Deutschlands – stellte sein Sektglas ab, ohne es zu merken. Neben ihm errötete seine makellos gestylte Verlobte, Claudia von und zu Steinbach, vor Wut.
„Was zum Teufel geht hier vor?“, zischte sie und stürmte auf Johanna zu wie ein angeschossenes Tier. „Was hast du mit ihm gemacht? Welche Art von Hexerei treibst du hier?“
Johanna brachte kein Wort heraus. Ein falsches Wort – und alles, was sie in drei Jahren auf der Flucht mühsam aufgebaut hatte, könnte zusammenbrechen. Denn sie war nicht „Petra“, die Putzfrau. Sie war Johanna von Bergendorf – eine entflohene Erbin, eine Braut, die vor einem Monster im Maßanzug geflohen war. Und wenn ihr Geheimnis aufflog, könnte es ihr Leben kosten.
Rodrigo hob Lukas hoch, der strampelte und schrie, immer noch nach Johanna greifend.
„Sie ist nicht deine Mama“, flüsterte Rodrigo, die Stimme stockend. „Mama ist nicht mehr hier.“
„Nein! Mama!“, wehrte sich der Junge.
Das Gemurmel schwoll an. Claudia warf Anschuldigungen um sich. Rodrigo befahl allen, in sein Büro zu kommen. Er deutete auf Johanna, ohne sie anzusehen.
„Du auch.“
Als sie die prächtige Treppe hinaufstiegen – mit einem schluchzenden Kind, einer wütenden Verlobten und Geheimnissen, die jeden Moment platzen konnten – hatte Johanna eine klare Vorahnung: Heute würde alles ans Licht kommen. Denn dieses „Mama“ war kein Versehen – es war das fehlende Puzzleteil einer Geschichte, die Jahre zuvor begonnen hatte. In einem anderen Haus. Mit einer anderen Familie. Und einem weiteren Mordversuch.
Drei Monate zuvor hatte Johanna vor einer anderen Tür gestanden – dem Dienstboteneingang der Villa von und zu Steinbach in Berlin-Grunewald. In einem schlichten Kleid, abgetragenen Sandalen und einem Rucksack mit ihren gesamten Habseligkeiten hatte sie mit zitternder Hand geklingelt. Sie hatte die Anzeige gesehen: „Raumpflegerin gesucht. Persönliche Vorstellung.“
Mehr als einen Job suchte sie einen Ort zum Verstecken.
Eine resolut wirkende Frau mit strengem Dutt und blitzsauberer Schürze öffnete. „Wegen der Stelle?“
„Ja, gnädige Frau. Petra Johanna Meier“, log sie flüssig. Lügen war zur zweiten Natur geworden. Sie war keine „von Bergendorf“ mehr seit der Nacht, in der sie ihrer eigenen Hochzeit entflohen war.
Die Haushälterin, Frau Bauer, musterte sie misstrauisch. Zu hübsch für eine Putzfrau. Zu fein für Dienstbotenblut. Aber sie sah auch etwas anderes: Angst… und eine verzweifelte Suche nach einem Neuanfang.
„Hier wird hart gearbeitet. Und Diskretion ist Pflicht. Was in diesem Haus passiert, bleibt in diesem Haus. Klar?“
„Absolut.“
In dieser Nacht, allein in ihrem winzigen Dienstbotenzimmer, entfaltete Johanna ein vergilbtes Foto aus einer Halskette – eine jüngere Version von ihr in einem eleganten Kleid, neben einem müde wirkenden Mann.
Ihr Vater.
Wilhelm von Bergendorf. Pharmakonzern-Tycoon. Der Mann, der ihr alles gegeben hatte… und sie fast einem Wolf ausgeliefert hätte.
Maximilian von Eberstein, ihr Ex-Verlobter, war in Magazinen makellos: Italienische Anzüge, blendend weiße Zähne, einflussreicher Name. Ihre Verbindung sollte ein Wirtschaftsimperium besiegeln. Anfangs war er charmant. Dann fiel die Maske – Eifersucht, Kontrolle, Demütigungen… blaue Flecken, die niemand sah.
In der Nacht des Verlobungsessens quetschte er ihr das Handgelenk unter dem Tisch, weil sie einen schwulen Freund aus der Uni umarmt hatte.
„Eine Ehefrau macht mich vor anderen Leuten nicht lächerlich“, flüsterte er mit aufgesetztem Lächeln. „MerUnd so standen sie Jahre später im Garten der Villa, umgeben von Lachen, Erinnerungen und einer Liebe, die stärker war als alle Geheimnisse der Vergangenheit.



