Der Pfiff des Zuges zerriss die Abendluft – und enthüllte einen Albtraum für die Ewigkeit6 min czytania.

Dzielić

Es sollte wieder ein ruhiger Abend werden. Jakob Bauer, ein 36-jähriger verwitweter Bauer, ging die alte Bahnstrecke entlang, die durch die Felder hinter seinem Hof führte. Seine Stiefel knirschten auf dem Schotter, und jeder Schritt hallte vom Rhythmus eines Lebens wider, das er allein verbrachte. Seit seine Frau vor zwei Jahren gestorben war, waren Jakobs Tage gleich geblieben: Arbeit auf dem Feld, Stille und das immer leiser werdende Lachen seiner zehnjährigen Tochter Lena, die in der Stadt zur Schule ging.

Doch an diesem Abend wurde die Ruhe zerrissen.

Ein schriller, verzweifelter Schrei durchschlug die Luft. Es war kein Tierlaut, sondern menschlich und voller Entsetzen. Jakob erstarrte. Dann folgte ein weiterer Schrei, schwächer diesmal, begleitet vom dumpfen Grollen eines nahenden Zuges.

Ohne zu zögern, rannte er los. Sein Herz schlug wild, und der Boden bebte unter seinen Füßen. Als er um die Kurve bog, erstarrte sein Blut:

Eine junge Frau lag an die Schienen gefesselt, die Handgelenke mit groben Stricken gebunden, die Knöchel mit Ketten am stählernen Gleis festgemacht. Ihr zerrissenes Kleid klebte an ihrer zerschundenen Haut, und ihr langes, braunes Haar war mit Erde und Schweiß verfilzt. Doch was Jakob den Magen umdrehte, war das winzige Baby, das sie an ihre Brust presste – in eine zerfetzte Decke gewickelt und nur noch schwach wimmernd.

Die Zugpfeife ertönte lauter; es blieben nur Sekunden.

„Nein, nein, nein…!“, keuchte Jakob und stürzte auf sie zu. Er fiel neben ihr auf die Knie. „Bleib ruhig! Ich hol dich hier raus!“

Langsam öffnete sie die Augen. „Bitte… mein Baby“, flüsterte sie, kaum hörbar über dem dröhnenden Lärm.

Jakob zog sein Taschenmesser heraus und durchtrennte die Stricke. Der Zug war so nah, dass er das Beben des Bodens spürte und die Schienen sich wild unter ihm aufbäumten. Das Messer rutschte ihm aus der verschwitzten Hand.

„Komm schon!“, brüllte er und sägte härter. Der Strick riss. Er riss ihren Arm frei, dann die Fußfessel. Mit einem Ruck zog er Mutter und Kind von den Gleisen, gerade als der Zug vorbeirauschte – mit solcher Wucht, dass er zu Boden geschleudert wurde.

Der Lärm hämmerte in seinen Ohren; Hitze und Fahrtwind peitschten sein Gesicht. Als der Zug endlich vorbei war, lag Jakob reglos da, keuchend, die Frau und das Baby in den Armen – lebend.

Lange starrte er sie nur an, betäubt von der Erkenntnis, wie nah der Tod gewesen war. Die Frau zitterte und hielt ihr Kind fest.

„Danke…“, hauchte sie schwach.

Doch als Jakob ihr in die Augen sah, erkannte er mehr als nur Angst: ein Geheimnis, das sie noch nicht preisgeben konnte.

Jakob brachte die Frau und ihr Baby zurück zu seinem kleinen Hof am Ortsrand. Die Sonne war bereits untergegangen, als sie ankamen. Seine alte Nachbarin, Frau Schmidt, hörte das Durcheinander und eilte herbei.

„Mein Gott!“, rief sie aus, als sie die wunden Handgelenke der Frau sah. „Was ist passiert?“

„Ich hab sie an den Gleisen gefunden“, sagte Jakob atemlos. „Jemand hat ihr das angetan.“

Sie betteten die Frau aufs Sofa, und Frau Schmidt nahm behutsam das Baby in ihre Arme. Das Kleine, erst wenige Wochen alt, wimmerte leise. Bald erfuhr Jakob, dass die Frau Anna Weber hieß. Zunächst sprach sie wenig, noch zitternd vor Schock.

In dieser Nacht fand Jakob keinen Schlaf. Immer wieder ging er die Szene durch: die Fesseln, das weinende Baby, der Schreck in Annas Augen. Warum würde jemand so etwas tun?

Am Morgen war Anna wach, aber bleich. Jakob brachte ihr Essen und fragte sanft: „Wer hat dich dort festgebunden?“

Ihre Lippen zitterten. „Sie suchen mich“, flüsterte sie. „Sie werden wiederkommen.“

„Wer?“

Sie zögerte, ihr Baby fester an sich drückend. „Die Familie meines Mannes. Sie glauben, ich habe sie entehrt. Als er starb, beschuldigten sie mich… sagten, ich hätte seinen Namen beschämt. Ich bin geflohen, aber sie haben mich gefunden.“ Ihre Stimme brach. „Sie wollten sichergehen, dass ich nie wieder rede.“

Jakobs Kiefer spannte sich. „Hier bist du sicher.“

Doch Anna schüttelte den Kopf. „Niemand ist sicher, wenn es um Rache geht.“

In den folgenden Tagen erholte sie sich langsam unter Frau Schmidts Fürsorge. Sie half im Haus, fütterte ihr Baby und begann wieder zu lächeln, obwohl ihr Blick oft zu den fernen Hügeln wanderte – als erwarte sie etwas… oder jemanden.

Eines Nachmittags kehrte Jakob mit schlechten Nachrichten vom Dorf zurück. Der Kaufmann hatte erzählt, zwei Männer hätten nach einer jungen Frau mit Baby gefragt und Geld für Informationen geboten.

In dieser Nacht, während der Wind heulte, lud Jakob sein Gewehr und postierte sich am Fenster. Die Lampe flackerte sanft. Anna stand an der Tür, ihr Baby im Arm. Ihre Blicke trafen sich: Angst in ihren Augen, Entschlossenheit in seinen.

„Wenn sie kommen“, sagte Jakob leise, „müssen sie erst an mir vorbei.“

Und genau in diesem Moment erklang das Geräusch von Hufen im Tal.

Die Hufschläge wurden lauter, gleichmäßig und entschlossen. Jakob umklammerte das Gewehr. Mondlicht breitete sich über die Felder und enthüllte drei Reiter, die schnell näher kamen.

Frau Schmidt löschte die Lampe. „Sie haben sie gefunden“, flüsterte sie.

Anna drückte ihr Baby fester, zitternd. „Das sind sie.“

Die Reiter hielten am Rand des Hofes. Der Größte – ein bulliger Mann mit einer Narbe auf der Wange – brüllte: „Wir wissen, dass sie da drin ist! Mach Platz, Bauer! Sie gehört uns!“

Jakob trat auf die Veranda, das Gewehr in der Hand. „Sie gehört niemandem“, sagte er fest. „Dreh um und verschwinde.“

Der Mann grinste verächtlich. „Das wirst du bereuen.“

Bevor er seine Waffe ziehen konnte, feuerte Jakob einen Warnschuss ab, der ihm knapp am Ohr vorbeipfiff. Die Männer zögerten. Dann brach Chaos aus. Einer erwiderte das Feuer, zertrümmerte ein Fenster. Frau Schmidt schrie. Anna duckte sich, ihr Baby schützend.

Jakob handelte ruhig und präzise, schoss erneut und trieb die Angreifer zum Zaun zurück. Ein Mann stürzte vom Pferd; ein anderer duckte sich hinter einem Wagen. Der Anführer fluchte und lud seine Pistole nach. „Das werdet ihr büßen!“

Drinnen legte Anna ihr Baby in Sicherheit und griff nach Jakobs Revolver in der Küche. Sie schlich zum Fenster. Als der Narbenmann auf Jakobs Rücken zielte, betätigte sie den Abzug. Der Schuss hallte durch die Nacht. Der Mann taumelte und ließ die Waffe fallen.

Die anderen flohen. Ihre Pferde verschwanden in der Dunkelheit, die Hufschläge verhallten in der Stille.

Jakob drehte sich um, fassungslos. Anna stand zitternd da, Rauch stieg aus der Waffe. Tränen liefen über ihre Wangen.

„Ich… ich musste es tun“, flüsterte sie.

Er senkte das Gewehr und trat näher. „Du hast mir das Leben gerettet“, sagte er leise.

Der Dorfpolizist kam später, alarmiert durch den Lärm. Der verletzte Mann überlebte lange genug, um alles zu gestehen: den Plan, Anna zu töten und ihrUnd als die Sonne über den Feldern aufging, wussten sie alle, dass dieser Morgen nicht nur ein neuer Tag, sondern der Beginn eines Lebens in Frieden war.

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