Lina Bergmann stieg zum ersten Mal die prächtige Treppe der Villa hinauf, die zum Hauptteil des Hauses führte. Sie zog einen kleinen Koffer hinter sich her, ihr Herz erfüllt von vorsichtiger Hoffnung. Mit 26 Jahren, frisch examinierte Krankenpflegerin, war sie gerade als persönliche Betreuerin für den vierjährigen Timo von Richter eingestellt worden, den Sohn des Multimillionärs Markus von Richter, genannt “Der Baron”.
Das Anwesen war atemberaubend: ein dreistöckiges Gebäude im neoklassizistischen Stil, umgeben von weitläufigen Gärten, die einem botanischen Garten glichen, mit einem Schwimmbecken, das fast wie ein kleiner See wirkte. Doch was Lina am meisten auffiel, war die Stille – eine schwere, fast unnatürliche Ruhe. Ein Haus dieser Größe hätte vor Leben purzeln müssen, stattdessen lastete eine düstere Schwermut in der Luft.
“Das muss die neue Pflegerin sein.”
Eine bestimmte, autoritäre Stimme hallte durch die Marmorhalle. Es war Heinrich Bauer, der seit zwanzig Jahren als Butler der Familie diente, ein Mann von etwa 55 Jahren mit militärischer Haltung und einem strengen Blick, der sie von Kopf bis Fuß musterte.
“Ich bin Heinrich. Ich hoffe, Sie haben alle Anweisungen gelesen und verinnerlicht.”
“Ja, Herr Bauer, ich habe sie mehrmals durchgearbeitet”, antwortete Lina und erinnerte sich an das detaillierte Dokument. Die Vorgaben klangen eher nach Isolierstation als nach einem Zuhause.
Der Junge, Timo, sollte schwer krank sein. Körperliche Anstrengung war strikt verboten. Medikamente mussten sekundengenau verabreicht werden. Keine Besucher, kein Verlassen des Hauses unter keinen Umständen. Und eine seltsame Regel: verbale Interaktionen auf das absolut Notwendige beschränken.
“Junger Timo befindet sich im Zimmer im dritten Stock, Westflügel”, sagte Heinrich ohne jede Wärme. “Halten Sie sich an die Regeln. Jede Abweichung wird gemeldet.” Lina nickte, ein Kloß im Hals. Dies war ihre erste große Stelle nach dem Examen. Sie hatte Kinderkrankenpflege studiert, und dafür gab es einen sehr persönlichen Grund: Als Teenager hatte sie ihren kleinen Bruder durch eine lange unerkannte Krankheit verloren. An jenem Tag hatte sie geschworen, nie wieder tatenlos zuzusehen, wenn ein Kind leiden musste.
Die Tür zu Timos Zimmer war aus massivem Holz, verziert mit abgeblätterten Aufklebern von Superhelden und Raketen. Sie klopfte leise. “Timo, ich bin’s, ich werde dich jetzt betreuen.” Stille. Als sie die Tür öffnete, bot sich ein Anblick, der ihr das Herz brach: Inmitten eines riesigen Zimmers stand ein Krankenbett, umgeben von medizinischen Geräten. In der Mitte lag ein Junge – dürr, mit struppigen Haaren und großen grünen Augen. Die Luft roch nach Desinfektionsmitteln.
“Hallo Timo. Ich bin Lina.”
Der Junge musterte sie mit einem misstrauischen Blick, der kein kindliches Zögern, sondern erwachsene Resignation verriet. “Gehst du auch wieder?” Die einfache Frage war so traurig, dass Lina die Tränen unterdrücken musste. “Warum sollte ich gehen?”
“Alle Tanten gehen immer. Papa sagt, weil ich so krank bin.”
Lina setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. “Ich bin ziemlich stur. Und außerdem möchte ich wissen, was du eigentlich hast.” Timo deutete auf einen Beistelltisch. “Viele Krankheiten. Ich nehm den ganzen Tag Medizin.”
Lina ging zum Tisch und erstarrte. Mindestens zwanzig Flaschen: Antibiotika, starke Entzündungshemmer, hochdosierte Vitamine, Hustensäfte. “Wie lange bist du schon krank?”, fragte sie.
“Immer. Mama ist gestorben, als ich auf die Welt kam. Papa sagt, ich habe sie im Bauch krank gemacht.” Wieder trug ein Kind Schuld, die nicht seine war.
“Es ist nicht deine Schuld, dass deine Mama im Himmel ist”, sagte Lina sanft. “Manchmal können Erwachsene Dinge nicht richtig erklären.”
“Kennst du meinen Papa?”
“Nein, aber ich würde ihn gern kennenlernen.”
Timo verkroch sich in den Kissen. Acht oder neun davon, alle strahlend weiß. “Wieso so viele Kissen?”, fragte Lina.
“Dr. Bergmann sagt, ich muss immer liegen. Die Kissen helfen beim Atmen.” Lina runzelte die Stirn. Ein Vierjähriger sollte nicht dauerhaft liegen – es sei denn, er läge im Sterben. Doch Timos Atmung schien normal. “Tut Atmen weh?”
“Manchmal nachts. Und ich kann nicht viel laufen, ich werd so müde.”
Etwas passte nicht. Lina hatte auf der Kinderintensivstation gearbeitet. Timo zeigte keine klassischen Symptome. “Wann warst du das letzte Mal im Garten?”
Timos Augen leuchteten kurz auf. “Ich darf nicht in den Garten. Dr. Bergmann sagt, das ist gefährlich.” Die Isolation widersprach jedem medizinischen Standard. “Möchtest du eine Geschichte hören? Ich hab ein Buch über einen Drachen, der kein Feuer spucken wollte.”
Timo staunte. “Tut das nicht weh?”
“Geschichten heilen Langeweile”, erwiderte Lina lächelnd.
Beim Vorlesen bemerkte sie etwas Seltsames: Timo hing an ihren Lippen, als wäre menschliche Zuwendung etwas völlig Neues.
Eine halbe Stunde später kam Markus von Richter nach Hause – ein großer Mann im teuren Anzug, mit dunklem, perfekt gekämmtem Haar, aber einem Ausdruck von Erschöpfung, den weder Geld noch Macht kaschieren konnten. Er arbeitete achtzehn Stunden täglich, um nicht an den vermeintlich todkranken Sohn denken zu müssen.
“Wie war ihr erster Tag?”, fragte er Heinrich.
“Die neue Pflegekraft scheint kompetent, Herr von Richter. Sie hält sich an die Vorgaben.” Markus stieg die Treppe hinauf – langsam, als trüge er eine unsichtbare Last. Er fand Lina, die gerade die Drachengeschichte beendete. Timo wirkte munterer als seit Monaten.
“Papa!” Timo winkte, blieb aber im Bett. Markus blieb zwei Meter entfernt stehen, als fürchte er, seinen Sohn zu berühren. “Hallo, Schatz. Wie war dein Tag?”
“Tante Lina hat mir von dem Drachen vorgelesen, der mit dem Prinz befreundet war!”
Markus sah Lina an. Seine grauen Augen waren undurchdringlich. “Danke, dass Sie sich um ihn kümmern.”
“Timo ist ein besonderes Kind.”
“Besonders – und zerbrechlich”, warnte Markus. “Ich hoffe, Sie verstehen seine Grenzen.”
“Das tue ich”, erwiderte Lina, obwohl ihr die seltsame Distanz zwischen Vater und Sohn auffiel.
“Papa, isst du heute mit mir?”
Markus’ Gesicht verdüsterte sich. “Ich kann nicht, Schatz. Wichtiges Meeting in Tokio.”
Timos Lächeln verblasste. “Du hast immer Meetings.”
“Das ist Arbeit, Sohn. Für deine Medikamente. Für all deine Medikamente.”
Markus verließ fluchtartig den Raum und ließ einen traurigen Timo und eine zutiefst verwirrte Lina zurück.
In den folgenden Tagen etablierte Lina eine Routine mit Timo: Geschichten, Brettspiele, Malen. Der Junge blühte auf – doch stets innerhalb der vier Wände. Eines Tages fragte er: “Tante Lina, warum trägst du keine Maske wie die anderen Tanten?”
Lina runzelte die Stirn. “Welche Masken?”
“Die anderen haben immer Masken getragen, damit sie nicht krank werden.”
“Timo, deine Krankheit ist nicht ansteckend. Du kannst reden, spielen, umarmt werden.”
Tränen schossen dem Jungen in die Augen. “Warum will dann niemand bei mir sein?”
Diese Frage zerbrach Linas Herz. “Ich will bei dir sein. Und ich gehe nicht weg.”
Zum ersten MalAm Ende heirateten Lina und Markus, Timo gewann seine Gesundheit zurück, und das einst stille Haus erfüllte sich mit Lachen und Leben.



