Der Ort Bergtal in Bayern rühmte sich zweier Dinge: seiner unberührten Aussicht auf die Alpen und der moralischen Festigkeit seiner Bürger. Das Ortsschild, in fröhlicher Frakturschrift, verkündete: „Bergtal – Ein guter Ort für Familien.“ Sonntags war der weiße Kirchturm der Gemeindekirche, geführt vom gutmütigen Pfarrer Markus Bauer, das Zentrum des Universums. Werktags hielt Bürgermeister Hoffmann Hof im „Bergtal Wirtshaus“, wo er stets eine Kaffeetasse in der Hand hielt.
Ein Ort der Fassaden. Man winkte. Man spendete beim jährlichen Kuchenbasar. Man tuschelte in besorgten Tönen über die „Bedürftigen“ – was in Bergtal ein höflicher Begriff für Tanja und Lina war, die am Ortsrand in der „Sonnensiedlung“ lebten.
Tanja war die tragische Figur des Ortes, eine Frau, die von der Opioidkrise verschlungen worden war, die wie ein Flächenbrand durch ländliche Gebiete fegte. Doch die neunjährige Lina war die lebendige Konsequenz.
Lina litt an einer schweren, unbehandelten Hüftdysplasie. Was im Säuglingsalter mit einer einfachen Schiene hätte korrigiert werden können, war durch jahrelange Vernachlässigung zu einer lähmenden Deformität geworden. Ihr linkes Bein schwankte unkontrolliert, das rechte Hüftgelenk rieb Knochen auf Knochen. Sie humpelte, jeder Schritt eine neue Demütigung.
Die „anständigen Leute“ Bergtals sahen sie. Sie sahen sie vom ramponierten Schulbus hinken. Sie sahen, wie sie sich abmühte, mit den anderen Kindern Schritt zu halten, die längst gelernt hatten, sie aus ihren Spielen auszuschließen.
Frau Schneider, Besitzerin von „Schneiders Lebensmittel“, beobachtete Lina, wie sie mit zusammengekniffenen Lippen und ein paar Euro in der Hand den Gang entlangstolperte. „So eine Schande“, flüsterte sie der nächsten Kundin zu. „Das arme Kind. Wie ihre Mutter.“
Pfarrer Bauer hatte den Wohncontainer einmal besucht. Er hatte eine Bibel und einen Flyer für ein Entwöhnungsprogramm auf Tanjas fleckigen Küchentisch gelegt, vorsichtig über den Müll gestiegen. Er hatte Lina auf den Kopf getätschelt, den Blick von ihren schmerzverzerrten Beinen abgewandt und gesagt: „Wir beten für dich, Kind.“
Doch Gebete linderten nicht den Schmerz in ihrer Hüfte. Mitleid stoppte nicht das unerträgliche Reiben. Der Ort hatte sie abgeschrieben – eine traurige Geschichte, über die man beim Kaffee bedauerte, aber kein Problem, das es zu lösen galt. Sie war „Sozialfall“, und in Bergtal galten manche Probleme als jenseits der Gnade.
An einem eiskalten Mittwoch im Oktober, der Wind trug die erste Andeutung von Winter, war Lina auf einer Mission. Ihre Mutter war „krank“ – die fahle, zitternde Art von Krankheit, die sie weinend oder schreiend zurückließ. Doch die Cola war alle, und Tanja hatte geschrien, bis Lina vier zerknitterte Euro und einen Ein-Euro-Schein aus einer Handtasche gekramt hatte.
Ein ganzer Kilometer lag zwischen der Sonnensiedlung und der „Bergtal Tankstelle“. Für Lina war es eine qualvolle Pilgerreise. Jeder Schritt schickte einen weißen Blitz von Schmerz von der Hüfte ins Knie. Sie ging am Straßenrand, den Kopf gesenkt, die dünne Jacke bis zur Nase hochgezogen. Sie sah aus wie ein kleiner, gebrochener Vogel, der einen Flügel hinter sich herzog.
Sie schaffte es hinein, die Glocke über der Tür klingelte. Der Verkäufer, ein Oberstufenschüler, blickte kaum von seinem Handy auf. Lina griff eine Dose Cola aus dem Kühlregal. Ihre Hände waren taub vor Kälte. Als sie die Theke erreichte, rutschte ihr die glatte Dose aus den Fingern.
Sie klirrte auf den Linoleumboden und rollte weg.
Lina starrte sie an, ihre Augen füllten sich sofort mit heißen, verzweifelten Tränen. Es war nur eine Dose Cola, doch in diesem Moment war sie ein unüberwindbares Hindernis. Sich zu bücken hieß, ihr Gewicht zu verlagern – was Feuer in ihrer Hüfte auslöste. Sie versuchte, in die Hocke zu gehen, doch ein scharfes Knacken im Gelenk ließ sie aufschreien.
Sie war nur ein kleines Mädchen, das mitten in einer Tankstelle weinte, unfähig, eine Dose Cola aufzuheben.
Die Türglocke schepperte erneut, diesmal begleitet von einer Welle kalter Luft und dem schweren Geruch von Leder, Benzin und Straßendreck.
Der Verkäufer blickte auf, seine Augen weiteten sich alarmiert.
Es waren große Männer. Ihre Lederwesten – „Cuts“ nannten sie sie – waren mit einem Abzeichen geschmückt: ein Totenkopf mit Stahlhelm, gekreuzt von einem Gewehr und einem Schraubenschlüssel, darüber der Schriftzug „Die Vergessenen Söhne“. Ein Motorradclub, meist Veteranen aus Kriegen, die von Vietnam bis Afghanistan reichten. Sie wirkten grob, furchteinflößend und völlig fehl am Platz im beschaulichen Bergtal.
Der Anführer, ein Mann mit einer Brust so breit wie ein Kühlschrank und einem grauen, zu zwei Zöpfen geflochtenen Bart, trat vor. Sein Name war Jürgen „Bär“ Meier. Seine Augen, scharf und wissend, verpassten nichts. Er hatte gesehen, wie der Verkäufer erstarrte, wie der Dorfpolizist sie stets im Auge behielt, wenn sie vorbeifuhren. Und er sah die kleine, zusammengesunkene Gestalt am Boden.
Er ignorierte den Verkäufer und ging zu Lina. Sie zuckte zurück, erschrocken von seinem massiven Körper und dem Totenkopf auf seiner Weste. Man hatte ihr beigebracht, solche Männer zu fürchten.
Bär ging langsam in die Hocke, das Leder knarrte. Seine Stimme, als er sprach, war kein Gebrüll, sondern ein tiefes, grollendes Raunen.
„Alles gut, Kleines?“
Lina schüttelte nur den Kopf, Tränen hinterließen Spuren auf ihren schmutzigen Wangen. Sie zeigte auf die Dose Cola, ihr kleiner Körper zitterte.
Bär hob sie auf. Er betrachtete sie, dann die Art, wie sie ihren Körper hielt – verdreht, das linke Bein in einem unnatürlichen Winkel, das rechte steif.
„Was ist los, Schatz?“ fragte er leiser. „Tut dir was weh?“
Lina sah ihn endlich an. Sie erkannte die tiefen Falten um seine Augen – Falten der Müdigkeit, nicht der Härte. Sie flüsterte die Worte, die zu ihrer Existenz geworden waren, die der Rest des Ortes ignoriert hatte.
„Ich kann meine Beine nicht zusammenmachen“, flüsterte sie, ihre Stimme brach. „Es tut weh. Immer.“
Bärs Augen, die Kämpfe in Dschungeln und Wüsten gesehen hatten, wurden eisig. Sein Gesicht erbleichte, ersetzt von einer langsamen, kalten Wut, die tief in seiner Brust begann.
Einer seiner Männer, ein drahtiger Typ mit „Doc“ auf der Weste, kniete neben ihm. Doc war Sanitäter gewesen. Er strich sachkundig über Linas Bein, seine Berührung professionell.
„Chef“, sagte Doc gepresst. „Das ist schlimm. Jahrelang unbehandelte Hüftdysplasie. Das Gelenk ist kaputt. Sie leidet ständig. Das… das ist kriminell.“
Bär blickte vom weinenden Mädchen zum Fenster, hinaus auf die gepflegte Hauptstraße Bergtals. Er sah das Schild des „Bergtal Wirtshauses“, dahinter die Umrisse von Menschen, die im Warmen saßen, KaffeeEr trug sie hinaus in die kalte Oktobersonne, während das Dorf in seinem Rücken verstummte und endlich begriff, dass wahre Größe nicht in makellosen Fassaden liegt, sondern im Mut, ein kleines Mädchen aufzuheben, wenn alle anderen wegschauen.



