**Kapitel 1: Das Ziel**
Ich hielt den Atem an und zählte die Risse im Linoleum des Schulkantinenbodens.
Eins, zwei, drei.
Wenn ich nicht aufsah, würden sie mich vielleicht nicht bemerken. Das war die Regel, nach der ich im Ludwig-Gymnasium lebte. Unsichtbar sein. Ein Geist. Den Kopf senken, die Arbeit erledigen und verschwinden. Doch heute hatte das Universum andere Pläne. Ein Schatten fiel auf mein Tablett, blockierte das grelle Neonlicht der Kantine und ließ meine lauwarme Pizza kalt aussehen.
„Hey, Einstein.“
Die Stimme war tief, durchzogen von falscher Lässigkeit, die immer Gewalt ankündete. Es war Lars. Natürlich war es Lars. Der Kapitän der Fußballmannschaft, der ungekrönte König der Flure, der Typ, der mein Leben seit meinem Schulwechsel vor drei Monaten zur Hölle gemacht hatte. Er roch nach teurem Aftershave und Arroganz.
Ich antwortete nicht. Ich umklammerte nur mein Mathebuch fester, die Fingerknöchel weiß vor Anspannung. Ich versuchte, mich auf die Zahlen zu konzentrieren, auf die Ableitungen und Integrale, auf die Logik einer Welt, die für mich noch Sinn ergab.
„Ich rede mit dir“, fauchte Lars und schlug seine große, schwielige Hand auf den Tisch.
Mein Milchkarton sprang hoch, ein paar Tropfen verschütteten auf die Tischplatte. Die sonst so laute Kantine wurde still in unserer Ecke. Die Leute liebten ein Spektakel, solange sie nicht mittendrin steckten. Ich spürte die Blicke der Cheerleader, der Gamer und der Außenseiter.
„Ich will nur essen, Lars“, flüsterte ich und sah schließlich auf. Meine Stimme klang fremd in meinen Ohren.
Er grinste, warf seinen Freunden – Jürgen und Malte – einen Blick zu, die hinter ihm wie Hyänen kicherten. Sie waren seine Kopien, nur mit weniger Grips und mehr Aggression. „Hörst du das? Er will nur essen. Aber weißt du, was ich denke? Ich denke, du denkst zu viel. Diese ganzen Bücher… die sind schlecht für deine Augen.“
Bevor ich reagieren konnte, riss Jürgen mir das Buch aus der Hand. Das Papier riss leicht ein.
„Gib es zurück“, sagte ich, die Stimme zitternd. Nicht vor Angst – obwohl die da war – sondern vor unterdrückter Wut. Ich konnte sie noch nicht rauslassen. Noch nicht. Ich durfte meine Deckung nicht aufgeben.
„Du willst es?“ Jürgen hielt es hoch über seinen Kopf. „Dann hol es dir.“
Er holte aus und schmiss es durch den Raum. Es wirbelte durch die Luft, ein schweres Projektil aus Wissen, und landete mit einem dumpfen Geräusch im großen Mülleimer neben dem Ausgang.
Lars beugte sich vor. „Du brauchst nicht zu lernen, Kleiner. Wo du hingehst, liest keiner. Du bist Platzverschwendung an dieser Schule.“
Das Lachen an seinem Tisch war schneidend. Ich stand auf, der Stuhl kratzte über den Boden. Meine Hände zitterten. Ich ging zum Mülleimer, die Hitze stieg in meine Wangen.
Ich musste das Buch zurückholen. Es war mehr als nur Hausaufgaben darin.
**Kapitel 2: Die Durchsuchung**
Meine Hand war Zentimeter vom Mülleimer entfernt, als die Welt zerbrach.
KRACH.
Die Doppeltüren zur Kantine flogen nicht nur auf – sie explodierten nach innen.
„ALLE HINLEGEN! HÄNDE SICHTBAR! SOFORT!“
Die Stimme war scharf, verstärkt durch ein Megafon. Es war kein Lehrer. Es war ein Sondereinsatzkommando.
Schwarze Westen. Helme. Sturmgewehre.
An der Spitze ein Schäferhund, muskulös, der an seiner Leine zerrte. Sein Gebell hallte von den Wänden.
Chaos brach aus. Schüler schrien, warfen sich unter Tische.
Lars und seine Freunde erstarrten. Ihr Lachen erstickte. Sie sahen aus wie Rehe im Scheinwerferlicht.
„ICH SAGTE, HINLEGEN!“
Ich kniete mich hin. Ich hatte das geübt – in meinem Kopf.
Lars war außer sich. „Mein Vater sitzt im Stadtrat! Sie können nicht—“
„HALT DIE KLAPPE UND LEG DICH HIN!“
Der Hund zog seinen Führer vorwärts. Ignorierte alles – bis auf unseren Ecke.
Er blieb direkt vor dem Mülleimer stehen. Setzte sich.
Das Signal.
„POSITIVER HINWEIS!“ Der Beamte funkte, seine Stimme schrill. „PERIMETER SICHERN! NDer Schäferhund starrte mich an, und in seinen klugen Augen wusste ich – das Spiel war vorbei, aber der wahre Kampf hatte erst begonnen.



