Ein Mechaniker verlor alles, um ein Kind zu retten – doch am nächsten Tag standen Luxusautos vor seiner Tür6 min czytania.

Dzielić

Die Hitze in Berlin mitten im Juli war kein bloßes Wetter – sie war eine greifbare, erdrückende Masse, die einem die Luft raubte und die Seele austrocknete. Im Gewerbegebiet Schönefeld schien der Asphalt unter der unbarmherzigen Nachmittagssonne zu schmelzen, Fata Morganas tanzten über den Straßen, trügerische Spiegelungen, die das Auge täuschten, den Körper aber nicht. In der „Kfz-Werkstatt Bauer“ fühlte es sich an wie fünfundvierzig Grad. Die Luft war stickig, geschwängert mit dem beißenden Geruch von Motoröl, verbranntem Gummi und dem säuerlichen Schweiß der Männer, die an ihrer Belastungsgrenze arbeiteten.

Markus Schneider wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, wobei er eine schwarze Schmutzspur auf seiner sonnengegerbten Haut hinterließ. Seit sechs Stunden schraubte er unter einem alten VW Golf, der aussah, als hätte er einen Krieg überstanden, und kämpfte mit einer störrischen Antriebswelle. Seine Knöchel waren aufgeschürft, die Nägel voller Schmutz, sein Rücken schrie vor Schmerz. Aber Markus beschwerte sich nicht. Das konnte er sich nicht leisten.

—Schneider! — Der Ruf durchschnitt den Lärm der Druckluftschrauber wie eine Peitsche. — Willst du den ganzen Tag mit dem Schrottteil verbringen? Der Kund kommt in ner Stunde, und ich will das Auto von der Hebebühne runter!

Jürgen Bauer, der Besitzer der Werkstatt, stand in der Tür seines klimatisierten Büros. Sein makelloses Markenhemd stach grell gegen den Dreck an seinen Angestellten ab. Bauer war klein, aber sein Ego passte kaum in die Halle — ein moderner Tyrann, der es liebte, seine Macht über diejenigen auszuspielen, die auf seinen Lohn angewiesen waren. Er war nicht nur ein schlechter Chef — er war ein schlechter Mensch, einer, der andere erniedrigte, nur um sich selbst größer zu fühlen.

—Fast fertig, Herr Bauer — antwortete Markus, zwang sich zu einem höflichen Lächeln, als er unter dem Wagen hervor kroch. — Die Kurbelgehäuseschraube war nur festsitzend, hab’s jetzt gelöst.

—Weniger labern, mehr machen, Schneider — spuckte Bauer und warf einen Blick auf seine goldene Armbanduhr. — Denk dran, es warten genug arbeitslose Jungs auf deinen Job — für die Hälfte vom Lohn. Du bist nicht unersetzlich. Keiner ist das.

Markus senkte den Kopf und nickte, schluckte die Wut hinunter, die in seiner Kehle brannte, heißer als die Luft um ihn herum. Er wusste, dass es eine Lüge war. Er war der beste Mechaniker in der Werkstatt, der einzige, der Fehler hören konnte, die die Maschinen übersahen. Aber Bauer hatte in einer Sache recht: die Not. Markus war zweiundvierzig, hatte eine Hypothek auf eine bescheidene Wohnung in Marzahn, die ihn jeden Monat erdrückte, und drei Kinder, die schneller wuchsen, als er gucken konnte: Tom, der eine Zahnspange brauchte, Lisa, die von der Uni träumte, und der kleine Finn, der gerade erst eingeschult worden war. Seine Frau, Sabine, putzte Büros am Kudamm, rackerte sich ab für einen Lohn, der kaum für das Essen reichte.

Die Angst, seinen Job zu verlieren, hielt Markus stumm. Sie ließ ihn die Beleidigungen ertragen, die unbezahlten Überstunden, die ständige Geringschätzung. „Tu’s für sie“, wiederholte er wie ein Mantra. „Halte noch ein bisschen durch.“

Gegen vier Uhr nachmittags ließ die Hitze etwas nach, aber die Luft blieb drückend. Markus trat vor die Werkstatt, trank Wasser aus der Flasche und suchte nach einer Verschnaufpause. Die Straße im Gewerbegebiet war leer, abgesehen von gelegentlichen Lieferwagen.

Dann sah er sie.

Zuerst dachte er, es sei eine Fata Morgana. Ein kleines Mädchen in einem Schuluniformkleid, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite taumelnd ging. Es wirkte fehl am Platz — wie eine Erscheinung. Hier gab es keine Schulen, nur Lagerhallen und Werkstätten. Das Mädchen, kaum acht Jahre alt, schleppte sich vorwärts, den Kopf gesenkt, die blonden Haare schweißnass an der Stirn klebend.

Markus runzelte die Stirn, vergaß die Wasserflasche. Irgendwas stimmte nicht. Das Mädchen blieb stehen, legte eine Hand auf die Brust — und sackte dann wie eine Marionette, der die Fäden durchgeschnitten wurden, auf den glühenden Beton.

Das dumpfe Aufschlagen war kaum hörbar, aber für Markus klang es wie ein Schuss.

—Hey! — schrie er, warf die Flasche weg. — Kleines!

Er sah sich um. Ein paar Arbeiter aus der gegenüberliegenden Halle standen rauchend da, starrten regungslos auf die Szene, gefangen zwischen Neugier und der Angst, sich einzumischen. Niemand rührte sich. „Halt dich raus, sonst hast du Ärger“, schien die Luft zu flüstern.

Doch Markus dachte nicht. Sein Körper handelte, bevor sein Kopf es verarbeiten konnte. Seine müden Beine fanden plötzlich Kraft, er sprintete über die Straße, wich einem hupenden Transporter aus.

Als er bei dem Mädchen ankam, erstarrte sein Herz. Es lag auf dem Rücken. Ihre Haut, die rosig hätte sein sollen, war grau, fast bläulich um die Lippen. Die Augen geschlossen, die Atmung kaum spürbar. Markus kniete sich hin, ignorierte den Schmerz auf dem heißen Asphalt.

—Hey, Kleine! Hörst du mich? — Er tätschelte sanft ihre Wange. Ihre Haut war brennend heiß, doch gleichzeitig klamm und kalt. Schweiß. Schlecht. Sehr schlecht.

Er beugte sich hinab, lauschte. Kaum ein Atemzug. Ein schwaches, unregelmäßiges Pfeifen. Er tastete nach dem Puls. Ein flatterndes, rasendes Klopfen, wie ein gefangener Vogel.

—Ruft einen Krankenwagen! — brüllte er zu den Männern auf der anderen Straßenseite, die immer noch starrten. — Verdammt, steht nicht rum! Sie stirbt!

Einer griff langsam nach seinem Handy, aber Markus wusste, wie die Dinge liefen. Ein Krankenwagen mitten im Berufsverkehr, in einem abgelegenen Gewerbegebiet? Zwanzig Minuten. Vielleicht dreißig. Er blickte auf das Mädchen. Ihre Lippen wurden blau. Sie hatte nicht zwanzig Minuten. Vielleicht nicht mal fünf.

Markus traf die Entscheidung in Sekundenbruchteilen. Er schob seine schmutzigen, kräftigen Arme unter den zerbrechlichen Körper des Mädchens und hob es hoch. Es wog so wenig, dass ihm fast die Tränen kamen. Er drehte sich um und rannte zu seinem alten VW-Bus, der an der Ecke parkte.

Gerade als er die Beifahrertür öffnen wollte, riss eine kalte, gehässige Stimme ihn aus seinen Gedanken.

—Schneider! Was zum Teufel glaubst du, was du da tust?

Jürgen Bauer stand im Werkstatteingang, die Arme verschränkt, das Gesicht rot vor Wut. Er hatte alles gesehen — und ihm schien nicht das Mädchen wichtig zu sein, sondern die Störung seines Betriebs.

—Herr Bauer, das Kind stirbt! — Markus hielt das Mädchen fest, spürte, wie das Leben ihm entglitt. — Sie hat einen Hitzschlag. Ich muss sie ins Krankenhaus bringen. Der Krankenwagen braucht zu lange.

Bauer stieg langsam die Treppe herab wie ein Raubtier, das weiß, dass seine Beute keine Chance hat.

—Und das ist mein Problem? Oder deins? — Seine Stimme war eiskalt. — Drei Autos warten. Der Mercedes-Kund kommt in zwAls Markus das Mädchen unter Blaulicht in die Notaufnahme der Charité trug, wusste er noch nicht, dass diese eine Entscheidung nicht nur ihr Leben, sondern auch seines für immer ändern würde.

Leave a Comment