Die Neonlichter der Frankfurter Innenstadt flackerten gegen den Mitternachtshimmel, wo gläserne Türme wie Monumente des Ehrgeizes in die Höhe ragten. In einem dieser Türme saß Heinrich Bauer, ein zweiundvierzigjähriger Mann, der alles hatte – Geld, Macht, Einfluss. Doch während er auf die Stadt hinabstarrte, die niemals zu schlafen schien, wurde ihm klar, dass eine Sache fehlte: ein Erbe. Ein Vermächtnis aus Blut und Name, das selbst seine Millionen nicht kaufen konnten.
Er hatte die Ehe versucht – zweimal. Beide waren unter der Last von Erwartungen und Enttäuschungen zerbrochen. Heinrich schloss daraus, dass Liebe nichts als eine fragile Illusion war, ein Spiel, das mit Verlust endete. Doch ein Kind – das war anders. Ein Kind war eine Investition, Kontinuität. Und im Gegensatz zur Liebe ließ sich dies kontrollieren, planen, ausführen wie jedes andere Geschäft.
Am nächsten Morgen glitt er in seinen Sportwagen, die Ledersitze knarzten unter seinem Gewicht, und er fuhr durch die belebten Straßen Frankfurts. Seine Gedanken waren nicht bei den Linden, die die Alleen säumten, oder den Werbetafeln, die Luxusmarken anpriesen. Sie kreisten um das Problem, jemanden zu finden, der bereit war, ein Kind für ihn auszutragen. Jemanden ohne emotionale Verstrickungen, ohne Komplikationen. Nur ein Vertrag.
An einer roten Ampel in der Innenstadt fiel ihm etwas auf. Am Bürgersteig saß eine junge Frau auf dem Boden und zeichnete auf ein zerrissenes Stück Papier. Ihr unordentliches braunes Haar fiel ihr ins Gesicht, und ihre blauen Augen schienen durch den Schmutz der Erschöpfung zu leuchten. Für die anderen Passanten schien sie unsichtbar, doch Heinrich bemerkte sie. Wider besseres Wissen verweilte er. Wer zeichnet auf einem Gehsteig, als ob der Rest der Welt nicht existiert?, dachte er verbittert. Als die Ampel auf Grün sprang, zwang er sich weiterzufahren, doch nach ein paar Blocks ließ das Bild von ihr, die über ihre Skizze gebeugt war, ihn nicht los. Mit einem frustrierten Knurren drehte er das Lenkrad, wendete und kehrte zurück.
Sie war noch da, ihr Papier jetzt gegen eine Mauer gelehnt. Heinrich fuhr an den Rand und öffnete das getönte Fenster. »Hey, du. Komm her.«
Die junge Frau hob den Kopf, Misstrauen lag in ihrem zusammengekniffenen Blick, als sie den Mann im maßgeschneiderten Anzug hinter dem Steuer musterte. Sie zögerte.
»Ich frage nicht«, sagte Heinrich bestimmt. »Ich habe nicht den ganzen Tag.«
Langsam, widerstrebend, näherte sie sich. Aus der Nähe war ihre Dünnheit erschreckend, ihre Kleidung abgetragen, doch ihre Haltung strahlte eine stille Würde aus. »Was willst du?«, fragte sie mit leiser, aber fester Stimme.
»Steig ein. Wir reden woanders.«
Sie lachte trocken. »Ich bin keine von denen. Falls du das denkst.«
Heinrichs Kiefer spannte sich. »Sei nicht albern. Dafür habe ich keine Zeit. Ich will nur reden. Jetzt steig ein oder geh zurück auf den Bürgersteig.«
Das Zögern blieb, doch die Autorität in seinem Ton ließ wenig Raum für Weigerung. Sie stieg ein.
Die Stille im Auto war bedrückend, als Heinrich zu einem ruhigen Café fernab des Stadtlärms fuhr. Sie setzten sich in eine Ecke, das Gemurmel der anderen Gäste um sie herum. Er studierte ihr Gesicht im gedämpften Licht.
»Wie heißt du?«, fragte er.
»Lena Hoffmann«, antwortete sie schroff. »Aber warum ist das wichtig?«
»Weil ich wissen muss, mit wem ich es zu tun habe. Sag mir, Lena – warum sitzt du auf Gehsteigen und zeichnest, als ob nichts anderes existiert?«
Sie zuckte mit den Schultern und vermied seinen Blick. »Was soll ich sonst tun? Ich habe nirgendwo hin. Ich habe alles verloren. Aber das geht dich nichts an.«
Heinrich beugte sich vor. »Dann komme ich direkt zum Punkt. Ich möchte dir ein Angebot machen. Etwas, das dein Leben verändern könnte.«
Ihre Augen verengten sich. »Und das wäre?«
»Ich möchte, dass du ein Kind für mich austrägst.«
Lena blinzelte, überzeugt, falsch gehört zu haben. »Das ist ein Witz, oder?«
»Todernst. Ich übernehme alle Kosten, sorge für dich während der Schwangerschaft, und danach bekommst du genug Geld, um nie wieder auf der Straße leben zu müssen.«
Lena lachte hohl und verschränkte die Arme. »Du bist verrückt. Was für ein Mann macht so ein Angebot einer Fremden?«
»Die Sorte Mann, die genau weiß, was er will. Ich will keine Liebe, Lena. Ich will kein Drama. Nur ein Kind. So einfach ist das.«
Sie starrte ihn an, seine Worte hallten in ihrem Kopf nach. Die Dreistigkeit seines Vorschlags erschütterte sie. Doch hinter seinem eisigen Blick lag eine Entschlossenheit, die sie nicht ignorieren konnte. Das war kein Scherz.
»Das ist Wahnsinn«, flüsterte sie. »Keine Frau bei klarem Verstand würde zustimmen.«
Heinrich zuckte nicht. »Keine Frau in deiner Lage würde ablehnen.«
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. So sehr sie ihn verabscheuen wollte – die Wahrheit krallte sich in ihr fest. Er bot ihr Komfort, Sicherheit, eine Flucht vor Hunger und Kälte. Doch zu welchem Preis?
»Und dann?«, fragte sie schließlich. »Was passiert, wenn das Baby da ist?«
»Du bekommst eine beträchtliche Summe. Genug, um neu anzufangen. Keine Bedingungen. Du bist frei.«
Sie spottete bitter. »Und woher soll ich wissen, dass du nicht deine Meinung änderst und mich vor Gericht ziehst?«
»Ich bin Geschäftsmann. Ich schließe keine Deals, ohne sicherzustellen, dass alle Parteien profitieren. Du bekommst einen bindenden Vertrag. Keiner von uns kann die Bedingungen später ändern.«
Stille breitete sich zwischen ihnen aus, während Lena seine Worte verarbeitete. Die Stimme ihrer Mutter hallte in ihrem Kopf: Chancen klopfen nur einmal an. Doch was für eine Chance war das?
Als sie endlich sprach, war ihre Stimme fest. »Ich brauche Zeit zum Nachdenken.«
Heinrich stand auf und knöpfte seinen Sakko zu. »Du hast vierundzwanzig Stunden. Danach verfällt das Angebot.«
Er ging hinaus und ließ sie zerrissen zwischen Verzweiflung und Stolz zurück.
In dieser Nacht, als die Frankfurter Luft kalt wurde, kauerte Lena auf einer Parkbank und starrte in den bewölkten Himmel. Morgen würde wieder Hunger bedeuten, wieder Unsichtbarkeit – es sei denn, sie nahm an. Doch in ihr nagte der Gedanke, ein Kind – ihr Kind – wegzugeben, an ihrer Seele.
Währenddessen saß Heinrich in seinem Penthouse-Büro mit Blick auf die Skyline. Der Vertrag lag vor ihm, von seinen Anwälten präzise ausgearbeitet. Er hasste Warten, doch er war sich sicher. Falls Lena ablehnte, würde eine andere zustimmen. Doch etwas an ihr – die Künstlerin mit Feuer in den Augen – hatte sich in seinen Gedanken festgesetzt.
Am nächsten Abend summte sein Gegensprecher. »Herr Bauer, Lena Hoffmann ist da.«
Heinrichs Puls beschleunigte sich unerwartet. »Schick sie hoch.«
Minuten später stand sie in seiner Tür. Ihre Augen waren müde, doch ihre Stimme war fest.
»Ich nehme an.«
Heinrich musterte sie, suchte nach Zögern, doch es gab keines. Er deutete auf den Tisch. »Dann lassen wir es offiziell machen.«
Der Vertrag war klar. Heinrich würde für Unterkunft, Essen, medizinische Versorgung und eine Finanzierung sorgen. Im Gegenzug würde sie alle Rechte an dem Kind abtreten. Lena untUnd so begann eine ungewöhnliche Reise, die nicht nur ein Kind hervorbrachte, sondern auch zwei Menschen veränderte, die am Ende mehr fanden, als sie je zu hoffen gewagt hatten.



