**Tagebucheintrag**
Eine traurige, alleinerziehende Mutter saß allein auf einer Hochzeit, Ziel des Spottes aller, als sich ein Mann mit dunklem Blick ihr näherte und flüsterte: „Tu so, als wärst du meine Frau. Tanze mit mir.“
Das Gelächter um sie schien lauter als die Musik.
Greta saß am äußersten Rand des Saals, die Hände nervös im Schoß verknotet, der Blick auf das unberührte Sektglas vor ihr gerichtet. Ihr geblümtes Kleid – gebraucht, leicht verblasst – konnte die Erschöpfung in ihren Augen kaum verbergen. Auf der anderen Seite des Raumes wirbelten Paare graziös unter den Kristallleuchtern, während die Flüsterstimmen wie Geier über ihrem Tisch kreisten.
„Das ist doch die Alleinerziehende, oder?“ raunte eine Brautjungfer verächtlich. „Ihr Mann hat sie verlassen. Kein Wunder, dass sie allein dasitzt“, kicherte eine andere.
Greta schluckte schwer. Sie hatte sich geschworen, heute nicht zu weinen, nicht auf der Hochzeit ihrer Cousine. Doch als sie den Vater-Tochter-Tanz sah, brach etwas in ihr. Sie dachte an ihren kleinen Sohn, Tom, der zu Hause mit der Babysitterin schlief. An all die Nächte, in denen sie so getan hatte, als wäre alles in Ordnung.
Dann erklang hinter ihr eine Stimme, tief und bestimmt: „Tanzen Sie mit mir.“
Sie drehte sich um und blickte in das Gesicht eines Mannes im makellosen schwarzen Anzug. Breite Schultern, kühle Augen und eine Aura, die den Raum zum Schweigen brachte. Sie erkannte ihn sofort: Viktor Bauer. Manche nannten ihn einen einflussreichen Geschäftsmann aus Berlin, andere flüsterten von einem Mann, der in dunklen Kreisen verkehrte.
„Ich … ich kenne Sie doch gar nicht“, stammelte sie.
„Dann tun wir so“, antwortete er leise und streckte ihr die Hand entgegen. „Als wären wir verheiratet. Nur für einen Tanz.“
Die Menge verstummte, als sie zögernd aufstand und ihre zitternden Finger in seinen festen Griff glitten. Ein Raunen ging durch den Saal, als Viktor sie in die Mitte der Tanzfläche führte. Die Band spielte plötzlich ein langsames, melancholisches Lied.
Während sie sich zur Musik bewegten, bemerkte sie etwas Seltsames: Die Sticheleien hörten auf. Niemand wagte mehr zu tuscheln. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte Greta sich nicht unsichtbar. Sie fühlte sich gesehen. Beschützt.
Und als Viktor sich zu ihr hinabneigte, flüsterte er Worte, die alles verändern würden: „Schau nicht zurück. Einfach lächeln.“
Die Musik verklang, aber die Stille blieb. Alle Augen waren auf sie gerichtet – den mysteriösen Fremden und die Alleinerziehende, die plötzlich wie eine Königin wirkte. Viktors Hand lag leicht an ihrer Taille, doch sein Blick durchdrang die Menge mit eisiger Präzision.
Als der Tanz endete, führte er sie vom Parkett. „Sie haben das gut gemacht“, murmelte er.
Greta blinzelte verwirrt. „Was ist gerade passiert?“
„Sagen wir … ich brauchte eine Ablenkung“, antwortete er mit einem halben Lächeln.
Sie setzten sich an einen Ecktisch, ihr Herz schlug noch immer wild. Er schenkte ihr ein Glas Wein ein, jede seiner Bewegungen ruhig und bedacht. „Diese Leute werden Sie nicht mehr belästigen“, sagte er und musterte die flüsternde Menge. „Sie fürchten, was sie nicht verstehen.“
Sie betrachtete ihn – seinen markanten Kiefer, die feine Narbe am Ohr, die Art, wie er zugleich gefährlich und sanft wirkte. „Sie hätten mir nicht helfen müssen.“
„Das war nicht für Sie“, erwiderte er leise. „Jemand hier wollte mich demütigen. Sie haben mir geholfen, das Blatt zu wenden.“
Greta runzelte die Stirn. „Ich war also nur Tarnung?“
„Vielleicht.“ Sein Ausdruck wurde weicher. „Aber ich hatte nicht erwartet, dass Sie mich so ansehen würden. Als wäre ich … ein Mensch.“
Bevor sie antworten konnte, näherten sich zwei Männer in dunklen Anzügen und raunten ihm etwas zu. Viktors Miene verhärtete sich. Er stand abrupt auf. „Bleiben Sie hier“, befahl er, seine Stimme unnachgiebig.
Doch Gretas Neugier war stärker. Sie folgte ihm nach draußen, ihre Absätze klackerten leise auf dem Marmorboden.
Beim Parkplatz sah sie Viktor mit einem anderen Mann sprechen – einer mit einer Waffe unter dem Jackett. Die Worte waren scharf, die Spannung greifbar. Dann fuhr der Fremde davon, und Viktor drehte sich um – und entdeckte sie.
„Das hätten Sie nicht sehen sollen“, sagte er und trat näher. „Ich wollte nicht …“
„Sie sind mutig“, unterbrach er sie. „Oder naiv.“
Sein Blick durchbohrte sie. „Jetzt, da Sie mich gesehen haben, können Sie nicht einfach verschwinden, Greta.“
Die Nachtluft roch nach Rosen und etwas Unheilvollem.
Zum ersten Mal spürte Greta, dass sie in etwas hineingezogen worden war, das größer war als sie selbst.
Zwei Tage später stand Viktor vor der Tür ihrer kleinen Wohnung. Tom baute Lego-Türme im Wohnzimmer, als er aufblickte und fragte: „Mama, ist das dein Freund von der Hochzeit?“
Viktor lächelte leicht. „So etwas in der Art.“
Greta erstarrte, unsicher, ob sie ihn hereinlassen sollte. „Sie sollten nicht hier sein.“
„Ich weiß“, sagte er und trat näher. „Aber ich mag es nicht, Dinge unerledigt zu lassen.“
Sein Blick erfasste die abblätternde Tapete, die gebrauchten Möbel, die stille Stärke in ihren Augen. „Sie kämpfen schon lange allein“, sagte er. „Das müssen Sie nicht mehr.“
Sie verschränkte die Arme. „Sie kennen mich doch gar nicht.“
„Ich weiß, wie es ist, von der Welt verurteilt zu werden“, flüsterte Viktor. „Der Bösewicht in aller Geschichte zu sein.“
Stille erfüllte den kleinen Raum. Tom lugte hinter der Couch hervor, ein Spielzeugauto in der Hand. Viktor kniete sich hin. „Coole Räder“, sagte er. Tom grinste – ein seltenes, echtes Lächeln, das Gretas Herz erwärmte.
Aus Tagen wurden Wochen, und Viktor kam öfter vorbei. Mal brachte er Einkäufe mit, mal reparierte er die kaputte Tür. Und manchmal sagte er gar nichts, sondern saß einfach da, während Greta ihrem Sohn Gute-Nacht-Geschichten vorlas.
Die Gerüchte um ihn blühten (Macht, Gefahr, Gewalt), doch nichts davon zählte, wenn er in ihrer Küche saß und Tom bei den Hausaufgaben half. Er war nicht der Mann, vor dem alle flüsterten. Er war einfach … Viktor.
An einem verregneten Abend fragte Greta endlich: „Warum ich?“
Er sah sie mit ruhiger Intensität an. „Weil Sie als Einzige mich wirklich angesehen haben.“
Sie wusste nicht, ob sie ihm jemals voll vertrauen könnte – doch zum ersten Mal seit Jahren fürchtete sie die Zukunft nicht. Die Frau, über die man einst gelacht hatte, fand ihre Stärke wieder – nicht durch ein Märchen, sondern durch etwas Echtes. Unperfekt. Lebendig.
Als sie gemeinsam am Fenster standen und dem Regen zusahen, flüsterte Viktor: „Vielleicht war das mit dem So-tun-als-ob gar keine so schlechte Idee.“
Greta lächelte. „Vielleicht nicht.“
Was würdest du tun, wenn ein Mann wie Viktor dich bitten würde, für eine Nacht seine Frau zu spielen? Würdest du zustimmen … oder weggehen?



