Flehende Bitte eines verletzten Kindes erschüttert Motorradclub bis ins Mark6 min czytania.

Dzielić

**Kapitel 1: Die Bitte**

Die Hitze lastete wie ein Bleimantel auf der schrumpfenden Asphaltfläche einer verlassenen Tankstelle irgendwo in der Einöde Brandenburgs. Nur das leise Ticken eines abkühlenden Motors und der schrille Ruf eines Mäusebussards, der am blassen Himmel kreiste, durchbrachen die Stille.

Sechs Männer, alle jenseits der fünfzig, lehnten an ihren Motorrädern. Sie waren die “Wüstenraben”, ein Club, dessen Mitglieder nicht durch kriminelle Akten, sondern durch ihre militärischen Entlassungspapiere definiert wurden. Ihre Lederwesten – “Cuts” genannt – waren übersät mit Aufnähern, die von Orten wie Kundus, dem Kosovo und Bosnien erzählten.

Jürgen “Bär” Hoffmann, der Präsident des Clubs, breitete eine Straßenkarte auf dem Sattel seiner Harley aus. Mit fünfundsechzig war er gebaut wie ein alter Kühlschrank, mit einem grauen Bart, der bis zum Brustbein reichte, und Armen wie knorrige Eichenäste. Ein ehemaliger Feldwebel der Bundeswehr, der eine stille Autorität ausstrahlte, als hätte er alles gesehen und nichts könnte ihn mehr beeindrucken.

“Die App sagt, wir sind noch dreißig Kilometer von der Abzweigung entfernt”, murmelte “Kritzel”, mit zweundfünfzig der Jüngste im Bunde, während er aufs Handy starrte. “Dieser ‘Ritt für die Vergessenen’ führt uns echt ins Niemandsland.”

“Das ist doch der Punkt, Kritzel”, brummte “Pater”, der Clubsgeistliche, der im Kosovo gedient hatte. “Wir fahren für die Kameraden, die das Verteidigungsministerium vergessen hat. Die wohnen nicht in der Potsdamer Innenstadt.”

Bär schnaubte nur und folgte der Route auf der Karte mit seinem dicken Finger. Die Benefizfahrt war ihr jährliches Ritual – eine Gelegenheit, alte Kameraden zu besuchen, Gelder an bedürftige Familien zu überbringen und sich an den Ehrenkodex zu erinnern, den die Welt mit ihren Smartphones und flüchtigen Loyalitäten längst vergessen hatte.

Gerade wollten sie aufsteigen, die Hitze trieb sie zur Eile, als Pater eine Bewegung am überquellenden Müllcontainer auffiel.

“Moment mal”, sagte er leise.

Bär blickte auf. Eine kleine Gestalt huschte hinter dem Container hervor. Ein Junge, höchstens acht Jahre alt, dünn wie ein Streichholz. Er trug einen Schlafanzug – blau mit Raketenmotiven – viel zu dünn für die kühle Morgenluft, geschweige denn für die Hilflosigkeit seiner Situation. Seine Füße waren barfuß, grau vor Schmutz.

Die Biker erstarrten. Normalerweise ließen ihre martialische Erscheinung Passanten schnell wegschauen. Doch der Junge zögerte nicht. Er rannte direkt auf den größten Mann zu.

Er rannte auf Bär zu.

Der Junge zitterte so stark, dass seine Zähne klapperten. Mit einer kleinen, schmutzigen Hand griff er nach Bärs Lederweste.

“Bitte, Herr”, flüsterte er mit einer Stimme, die vor Angst brach. “Sie müssen mich verhaften. Sofort.”

Die Raben starrten verblüfft. “Block”, ein Mann von monumenaler Statur, der selten sprach, machte sogar einen Schritt zurück.

Bär, überraschend sanft für seine Größe, ging in die Knie, bis er Augenhöhe mit dem Kind hatte. Seine Gelenke knarrten, aber er ignorierte es.

“Ich bin kein Polizist, Kleiner”, sagte Bär mit rauem Tonfall. “Wir sind nur… unterwegs. Warum willst du verhaftet werden?”

Die Augen des Jungen waren riesig, gefüllt mit einer Panik, die noch nicht in Tränen übergegangen war. Er war zu verängstigt, um zu weinen.

“Weil…”, stammelte er und zog fester an Bärs Weste, als wolle er ihn mit Gewalt wegbringen. “Weil er gesagt hat… böse Jungs kommen ins Gefängnis. Und wenn ich im Gefängnis bin… findet er mich nicht.”

Der Junge holte keuchend Luft.

“Dann… dann kann er Mama nicht mehr schlagen.”

Die Worte hingen in der trockenen Hitze. Das Ticken des Motors verstummte. Die Welt hielt den Atem an.

Bärs Augen, die Farbe von abgewaschener Jeans, wurden eisig. Er rührte sich nicht, aber seine ganze Haltung veränderte sich. Die Verwirrung war verschwunden, ersetzt durch etwas Kaltes, Uraltes und Absolutes.

Langsam, bedacht, legte er seine Hand auf die Schulter des Jungen. Der zuckte zusammen – ein heftiger, reflexartiger Ruck – bevor er merkte, dass ihm kein Schmerz zugefügt wurde.

“Wie heißt du, Kleiner?” fragte Bär, gefährlich leise.

“Lukas.”

“Wer soll dich nicht finden, Lukas?”

“Markus. Mein… mein Stiefvater.”

Als Lukas sprach, verlagerte er sein Gewicht. Die Bewegung ließ den losen Schlafanzug zur Seite rutschen und enthüllte die blasse Haut an seiner Schulter.

Bär sah es.

Es war verblasst, ein gelb-grünes Muster alten Schmerzes. Aber die Form war unverkennbar. Der Abdruck einer erwachsenen Hand, Finger gespreizt, wo sie gepackt, gedrückt und fest zugegriffen hatte.

Bärs Sicht verengte sich. Die Hitze, die Tankstelle, die Benefizfahrt – alles verschwand. Er war zurück in einer Welt aus Schwarz und Weiß, aus Gut und Böse, aus Beschützern und Raubtieren. Und ein Raubtier hatte gerade seine Grenze überschritten.

“Doc”, sagte Bär, ohne Lukas aus den Augen zu lassen. “Hol dem Jungen Wasser. Und einen Schokoriegel. Sofort.”

Er blickte wieder auf den verängstigten Jungen. “Lukas”, sagte er, und der Junge zuckte erneut bei dem Stahl in seiner Stimme. “Du bist am richtigen Ort gelandet. Aber du liegst falsch.”

Bärs Hand ruhte auf dem Kopf des Jungen, wie ein schwerer, seltsamer Segen.

“Wir sind nicht hier, um dich zu verhaften. Wir sind hier, um ihn zu verhaften.”

**Kapitel 2: Zimmer 7**

“Doc” – in den 90ern Sanitäter bei der Marine – bewegte sich mit einer Effizienz, die sein Alter Lügen strafte. Sekunden später war er aus dem Tankstellenshop zurück, mit einer Flasche Wasser und einem Mars-Riegel. Lukas starrte die Schokolade an, als wäre sie ein fremdes Objekt, dann begann er zu sprechen, hastig und leise, während er das Wasser umklammerte.

“Er wurde entlassen”, flüsterte er, seine Augen flogen zur Straße, als erwartete er jeden Moment ein Monster. “Von der Firma. Seitdem trinkt er dieses Fieszeug. Den ganzen Tag. Wir sind abgehauen. Mama hat uns in einen Bus gesetzt, aber er hat uns gefunden. Er… er ‘jagt’ uns, hat er gesagt. Er würde uns ‘eine Lektion erteilen’.”

Bär blieb kniend, eine feste Mauer zwischen Lukas und dem Rest der Welt. “Wo wohnt ihr gerade, Lukas?”

“Im Motel. Dem mit dem kaputten Kaktus-Schild. Dem… ‘Kaktus Hof’. Zimmer 7.”

Der Name traf die Raben wie ein Schlag. Der “Kaktus Hof” war ein Ort, an dem man nur landete, wenn es keinen anderen Ausweg gab. Ein berüchtigtes Absteigen, bekannt für Drogen, Elend und Durchreisende.

“Er hat uns gestern gefunden”, fuhr Lukas fort, so leise, dass Bär sich vorbeugen musste. Der Junge hatte den Riegel noch nicht angerührt, aber er hielt die Wasserflasche so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. “Er hat… geschrien. Mama geschlagen und… und sie im Badezimmer eingesperrt. Er hat gesagt, er würde ‘das zu Ende bringen’, wenn erUnd während die Sonne hinter den Kiefernwäldern verschwand, wussten die Wüstenraben, dass sie heute mehr getan hatten als nur eine Straße zu befahren – sie hatten eine Grenze zwischen Recht und Unrecht verteidigt, und das war der einzige Auftrag, der je wirklich zählte.

Leave a Comment