Früh von der Arbeit heimgekehrt und sah, wie sie meine Tochter quälten – doch sie merkten nicht, dass ich da war.6 min czytania.

Dzielić

**KAPITEL 1: DER LANGE WEG NACH HAUSE**

Die Luft in der Transall C-160 riecht immer gleich. Nach Hydraulikflüssigkeit, altem Schweiß und Angst. Doch diesmal, zum ersten Mal seit achtzehn Monaten, roch sie nach Hoffnung.

Ich rutschte auf dem Sprungsitz hin und her, verzweifelt auf der Suche nach einer halbwegs bequemen Position für meine Beine. Meine Knie waren kaputt – zu viele Patrouillen, zu viel Gepäck auf unwegsamem Gelände. Aber heute spielte der Schmerz keine Rolle.

Ich fuhr nach Hause.

Nicht nur für zwei Wochen Heimaturlaub. Für immer. Meine Entlassungspapiere waren unterschrieben, versiegelt und in meinem Rucksack verstaut. Ich war fertig mit dem Krieg. Fertig mit dem Sand.

Ich betrachtete das Foto, das innen an meinem Helm klebte. Ein Schnappschuss meiner Frau, Sabine, und unserer Tochter, Lena. Auf dem Bild war Lena vierzehn, wie sie gerade die Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte ausblies. Jetzt war sie fast sechzehn.

Ich hatte zwei Jahre ihres Lebens verpasst.

„Nervös, Hauptfeldwebel?“

Ich blickte auf. Der Junge gegenüber, ein blutjunger Gefreiter namens Bauer, grinste.

„Könnte man so sagen“, knurrte ich und warf zum hundertsten Mal einen Blick auf meine Uhr.

„Sie weiß nichts?“

„Nein“, antwortete ich, ein kleines Lächeln auf meinen trockenen Lippen. „Niemand weiß es. Sabine denkt, ich bin noch in Deutschland beim Abrüsten. Lena glaubt, ich komme erst zu Weihnachten zurück.“

„Das wird eine verdammt schöne Überraschung“, kicherte Bauer.

Ich nickte und wandte mich dem kleinen Fenster zu, obwohl es nichts zu sehen gab außer Wolken.

Die Wahrheit war: Ich hatte Angst.

In der Bundeswehr wusste ich, wer ich war. Ich war Hauptfeldwebel Weber. Ich gab Befehle. Ich beschützte meine Männer. Ich kannte die Regeln.

Doch zu Hause? Ich war mir nicht sicher, ob ich noch wusste, wie man „Papa“ war.

Lena war in diesem Alter, in dem sich alles ändert. Beim letzten Videoanruf wirkte sie distanziert. Schweigsam. Sie antwortete nur mit Ein-Wort-Sätzen. Sabine sagte, das sei nur „Teenager-Kram“, aber meine Intuition sagte etwas anderes. Ein Vater spürt so etwas – selbst aus tausenden Kilometern Entfernung.

Drei Stunden später setzte die Maschine auf dem Heimatstützpunkt auf. Als sich die Rampe öffnete und mir die feuchte deutsche Luft ins Gesicht schlug, zog sich meine Brust zusammen.

Ich rief kein Taxi. Ich rief Sabine nicht an. Ein Kamerad vom Stützpunkt holte mich ab.

„Direkt nach Hause?“ fragte er und warf meinen Seesack auf die Ladefläche.

Ich checkte die Uhr auf meinem Handy. 11:45 Uhr. Ein Dienstag.

Sabine würde auf der Arbeit sein. Lena in der Schule. Der Heinrich-Heine-Gesamtschule.

Ich musterte meine Uniform. Sie war verschwitzt, zerknittert und roch nach Flugzeug. Ich sollte nach Hause fahren, duschen, Zivilkleidung anziehen. Ich sollte eine saubere Version von mir präsentieren.

Doch ich konnte nicht warten. Das Verlangen, sie zu sehen, war körperlich – wie ein Hunger.

„Nein“, sagte ich und stieg ein. „Fahr mich zur Schule.“

„Bist du sicher, Alter? Siehst aus, als wärst du grad ausm Schützengraben gekrochen.“

„Genau das habe ich“, antwortete ich. „Fahr einfach.“

**KAPITEL 2: DER SCHULFLUR**

Die Heinrich-Heine-Gesamtschule hatte sich kaum verändert, seit ich vor zwanzig Jahren hier mein Abi gemacht hatte. Die Backsteinfassade war etwas dunkler, die Bäume größer, aber das Gefühl war das gleiche.

Ich meldete mich im Sekretariat an. Die Sekretärin, Frau Hoffmann, war schon damals hier gewesen.

Sie sah vom Computer auf, zunächst genervt von der Unterbrechung, doch ihr Blick weichte sofort auf, als sie die Uniform bemerkte. Sie musterte das Gefechtsabzeichen an meiner Schulter, den Dienstgrad, den Staub an meinen Stiefeln.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie sanft.

„Ich möchte Lena Weber sehen“, sagte ich mit rauer Stimme. „Ich bin ihr Vater.“

Frau Hoffmann legte die Hand auf den Mund. „Oh! Oh mein Gott. Weiß sie es?“

„Nein. Es ist eine Überraschung.“

Sie strahlte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Sie hat gerade vierten Block. Mittagspause. Die Schüler sind in der Mensa – den Flur runter, links.“

„Danke.“

„Holen Sie sie, Hauptfeldwebel.“

Ich verließ das Sekretariat und ging durch den langen Korridor. Während der Unterrichtszeit war er leer, aber aus der Ferne hallte das Gemurmel von hunderten Schülern zwischen den Spinden.

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich hatte Gebäude in Gefechtszonen mit ruhigerem Puls durchsucht.

Warum war ich so nervös? Sie war meine Tochter. Mein kleines Mädchen.

Aber sie war nicht mehr klein. Und ich war lange weg gewesen.

Ich bog in Richtung Mensa ab. Die Flügeltüren waren geschlossen, aber sie hatten diese schmalen Fenster mit Drahtgitter.

Ich näherte mich leise. Ich wollte nicht einfach reinplatzen. Ich wollte sie erst sehen. Eine Sekunde, um mich zu sammeln, um mein „Papa-Lächeln“ vorzubereiten.

Ich spähte durch das Fenster.

Die Mensa war Chaos. Tabletts klapperten, Schüler brüllten, Essen flog. Ein Dschungel.

Ich suchte den Raum nach ihrem typischen unordentlichen Dutt ab.

Ich fand sie.

Sie saß allein an einem Tisch in der Ecke, nahe den Mülleimern. Sie hatte die Schultern eingezogen, den Kopf gesenkt, und pickte an einer Brotkruste herum.

Sie wirkte isoliert. Gebrochen.

Ich wollte die Tür schon öffnen, als ich die Bewegung sah.

Drei Mädchen. Sie schlenderten durch den Raum mit dieser typischen Gangart – die Art, wie Leute gehen, die glauben, sie besäßen das Territorium.

Sie steuerten direkt auf Lena zu.

Ich hielt inne, die Hand über der Türklinke. Warte, sagte ich mir. Vielleicht sind sie Freundinnen.

Aber sie sahen nicht aus wie Freundinnen.

Die Anführerin, ein großes Mädchen mit teurer Kleidung und hohem Pferdeschwanz, schlug die Hand auf den Tisch.

Lena zuckte zusammen. Ich sah die Angst in ihrer Haltung. Sie machte sich kleiner, als könnte sie unsichtbar werden.

Das zweite Mädchen griff nach Lenas Tablett und kippte es beiläufig um.

Nudeln und Apfelsaft klatschten auf Lenas Pullover.

Mein Griff um die Türklinke wurde so fest, dass meine Knöchel weiß wurden.

Der Lärm in der Mensa verschwamm zu einem dumpfen Rauschen in meinen Ohren. Ich hörte nur noch mein eigenes Blut.

Lena stand auf. Sie weinte. Ich sah die Tränen auf ihren Wangen glänzen, selbst aus dieser Entfernung. Sie versuchte, ihren Rucksack zu schnappen und zu gehen.

Das dritte Mädchen blockierte sie. Sie packte Lenas Shirt hinten am Kragen.

„Nein“, flüsterte ich.

Das Mädchen zog. Hart.

Lena taumelte zurück. Die Mädchen lachten. Ein kaltes, spitzes Geräusch. Sie griffen nach ihren Armen, zogen sie unsanft vom Tisch weg.

Sie behandelten meine Tochter wie Müll.

Etwas in mir riss. Nicht die wilde Wut eines Streits. Die eiskalte, fokussierte Präzision einesIch trat durch die Tür, und die ganze Mensa erstarrte, als ich mit festen Schritten auf die drei zuging – meine Stimme war ruhig, aber eisig, als ich sagte: „Legt sofort die Hände von meiner Tochter, oder ihr lernt heute, warum man Soldaten nicht provoziert.“

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