**Tagebucheintrag:**
Die Notaufnahme war heute wieder voller Hektik—Schwestern eilten zwischen den Liegen hin und her, Monitore piepsten ununterbrochen, und der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft. Doch als Dr. Hannah Weber den Vorhang zu Zimmer 8 zur Seite schob, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Auf dem Bett saß ein zartes, zitterndes Mädchen—kaum älter als ein Kind—mit blassem Gesicht und ängstlichen Augen.
„Hallo, mein Schatz“, sagte Dr. Weber sanft und kniete sich neben sie. „Ich bin Dr. Weber. Wie heißt du?“
Das Mädchen zögerte, ihre Finger verkrampften sich in der dünnen Krankenhausdecke. „Lina“, flüsterte sie.
Lina war dreizehn. Die Lehrer hatten sie eingeliefert, nachdem sie in der Schule ohnmächtig geworden war. Die Tests ergaben das Unfassbare: Sie war im dritten Monat schwanger. Als Dr. Weber mit den Ergebnissen zurückkehrte, erbleichte Lina. Sie schüttelte heftig den Kopf, Tränen strömten über ihre Wangen.
„Ich kann nicht…“, schluchzte sie. „Bitte sagen Sie es niemandem. Er hat gesagt, er tut mir was.“
Dr. Weber spürte, wie ihr der Magen verkrampfte. Jahre in diesem Beruf sagten ihr, worauf das hinauslief, aber sie musste es hören—behutsam, geduldig. „Lina“, sprach sie leise, „hier bist du in Sicherheit. Du kannst mir alles erzählen.“
Es dauerte lange Minuten voller Tränen, bis die Wahrheit ans Licht kam.
„Es ist mein Stiefvater“, hauchte Lina mit brüchiger Stimme. „Er hat gesagt, wenn ich es jemandem verrate, bringt er Mama um. Er kommt nachts in mein Zimmer, wenn sie spät arbeitet.“
Der Raum schien zu erstarren. Dr. Webers Kehle schnürte sich zu, als sie zur Schwester neben ihr blickte, die reglos verharrte. Beide wussten: Das war kein medizinischer Notfall—es war ein Verbrechen, eine Tragödie in Echtzeit.
Dr. Weber legte beruhigend ihre Hand über Linas zitternde Finger. „Du hast alles richtig gemacht, indem du es mir erzählt hast“, sagte sie. „Du bist sehr mutig. Und ich verspreche dir—er kann dir nichts mehr tun.“
In diesem Moment verwandelten sich Linas Schluchzer in ein leises, erleichtertes Keuchen, ihr ganzer Körper bebte, als bräche eine jahrelange Angst endlich aus ihr heraus. Dr. Weber stand auf, ihr Kopf raste bereits durch die nächsten Schritte: Jugendamt, Polizei und—vor allem—Schutz.
Doch tief im Inneren wusste sie, dass keine noch so gründliche Prozedur das Grauen auslöschen konnte, das dieses Mädchen durchlebt hatte.
Als die Polizei eintraf, war Lina schon in ein ruhigeres Zimmer verlegt worden. Dr. Weber blieb bei ihr, weigerte sich, sie allein zu lassen. Eine freundliche Schwester namens Greta hatte eine warme Decke und Tee gebracht, den Lina kaum anrührte. Draußen sprachen Beamte in gedämpften Tönen und bereiteten die Befragung vor.
Linas Mutter, Karin, traf kurz darauf ein—verwirrt, besorgt und ahnungslos über den Sturm, der losbrechen sollte. Als Dr. Weber ihr die Situation schilderte, erstarrte Karins Gesicht. „Nein“, flüsterte sie, den Kopf schüttelnd. „Das kann nicht sein. Stefan liebt sie. Er—er würde nie…“
Dr. Weber kannte diese Reaktion—die Ungläubigkeit, die Schuld, die Verleugnung. Doch die Beweise waren eindeutig: Linas zitterndes Geständnis, die Untersuchungsergebnisse, die Zeitschiene—alles wies auf einen Mann hin: Stefan Meier, ihren Stiefvater seit drei Jahren.
Als Stefan später am Abend zur Befragung gebracht wurde, ließ seine gefasste Art allen die Nackenhaare zu Berge stehen. Er lächelte gequält und bestritt alles. „Kinder fantasieren viel“, sagte er gleichgültig. „Sie versteht wahrscheinlich nicht mal, was mit ihrem Körper passiert.“
Doch Linas Aussage blieb standhaft. Als eine Kinderpsychologin ihr bei der offiziellen Vernehmung half, beschrieb sie die Nächte, in denen er in ihr Zimmer kam, die Drohungen, wie sie sich unter der Decke verkroch. Sie erinnerte sich an den Geruch seines Aftershaves, das Geräusch seiner Schuhe im Flur.
Jedes Detail passte.
Karin brach zusammen, als sie die Aufnahme hörte. Sie umklammerte Lina und schluchzte unbeherrscht, entschuldigte sich immer wieder. „Ich hab es nicht gewusst… oh Gott, ich hab es nicht gewusst.“
Die nächsten Tage verliefen wie im Nebel. Das Jugendamt griff ein. Stefan wurde festgenommen und wegen mehrfacher sexualisierter Gewalt sowie Kindesmissbrauchs angeklagt. Karin zog mit Lina in eine betreute Wohngruppe, während sie selbst eine Therapie begann.
Für Dr. Weber blieb der Fall noch lange präsent, nachdem das Krankenhauszimmer längst leer war. Sie schrieb die Berichte, trat als Zeugin vor Gericht auf und sah, wie Lina langsam genesen konnte. Das Mädchen, das früher niemandem in die Augen blicken mochte, hielt inzwischen ihre Mutter in der Therapie an der Hand—ein zaghafter Versuch, Vertrauen in eine Welt zurückzugewinnen, die zu früh zerbrochen war.
Trotzdem dachte Dr. Weber jedes Mal, wenn sie an Zimmer 8 vorbeiging, an die bebende Stimme, die geflüstert hatte: „Er hat gesagt, er tut Mama was.“
Und sie fragte sich, wie viele Linas da draußen noch waren—zu verängstigt, um zu sprechen.
Monate später saß Lina wieder im Krankenhaus, diesmal in einem ruhigeren Raum. Die Schwangerschaft war nach Gerichtsbeschluss und psychologischer Betreuung beendet worden. Sie erholte sich, körperlich und seelisch, auch wenn die Angst in ihren Augen noch Spuren hinterlassen hatte.
Dr. Weber besuchte sie oft. Sie sprachen über alles, nur nicht über die Vergangenheit—über Bücher, die Schule, sogar über Linas Traum, später selbst Krankenpflegerin zu werden. „So wie du“, sagte sie einmal schüchtern, und zum ersten Mal sah Dr. Weber sie lächeln—ohne Furcht.
Stefans Prozess erregte bundesweit Aufmerksamkeit. Die Beweislage war erdrückend, und Linas Aussage—per Vide**Tagebucheintrag:**
Und als das Urteil fiel—25 Jahre Haft ohne Bewährung—atmete Lina endlich auf, während ihre Mutter ihre Hand umklammerte und leise flüsterte: „Jetzt bist du frei.“.



