Kannst du mir helfen?” – Mädchen mit blauem Auge fragt MotorradfahrerDer Motorradfahrer zieht sie behutsam auf den Sitz und flüstert: “Ich bring dich in Sicherheit.6 min czytania.

Dzielić

**Tagebucheintrag: Das Versprechen auf dem Volksfest**

Die Augusthitze klebte an meinem Ledervest wie eine zweite Haut. Es war ein elend heißer Tag für ein Volksfest, und noch elender für eine Spielzeugspendenaktion. Mit 62 hasste ich Zuckerwatte, das schrille Geschrei der Schausteller und vor allem die Blicke der „anständigen“ Leute dieses kleinen Städtchens in Nordrhein-Westfalen.

Meine 27 Männer – die „Eisernen 27“, wie die Lokalzeitung sie einst nervös betitelt hatte – waren verteilt. Ihre bedruckten Westen stachen heraus zwischen den Pastelltönen der Festbesucher. Wir waren nicht zum Spaß hier. Unsere Charta verlangte es: eine Wohltätigkeitsaktion pro Quartal. Diesmal sammelten wir Stofftiere in einer staubigen Kiste neben der „Gewichtschätzen“-Bude.

Ich, Slate – mein echter Name, **Elias Schulte**, wurde seit dreißig Jahren nur noch vom Finanzamt verwendet – lehnte an einem Bratwurststand, die Arme verschränkt. Meine Haut war von Sonne und Wind gezeichnet, mein Bart mehr grau als schwarz. Ein beeindruckender Mann, das wusste ich. Aber heute fühlte ich mich nur alt.

An solchen Tagen, umgeben von kreischenden Kindern und Bilderbuchfamilien, war die Erinnerung an meine Schwester **Lena** am greifbarsten. Ein flüchtiges Bild: Zöpfe, eine Zahnlücke. Ich war sechzehn gewesen, groß für mein Alter, aber nicht stark genug. Nicht stark genug, um unseren Vater aufzuhalten. Als das Jugendamt endlich eingriff, war ich bereits volljährig, und Lena war einfach… weg. Verschluckt vom System. Jahrzehnte hatte ich gesucht. Vergeblich. Versagt in meiner einzigen Aufgabe: sie zu beschützen. Die „Eisernen Retter“, mein Club, mein Leben – alles nur ein lauter, brummender Ablenkungsversuch.

„Entschuldigung.“

Ich rührte mich nicht. Die Leute wichen mir normalerweise aus.

„Entschuldigung, Herr.“

Die Stimme war leise, klar und direkt neben meinem Knie. Ich blickte hinab.

Da stand sie. Kein weinendes Kind, kein Lachen. Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, dünn, mit strähnigen braunen Haaren und einem zu großen T-Shirt.

Und einem blauen Auge.

Kein frischer, violetter Fleck. Ein heilender, grüngelber Abdruck, der von Tagen sprach, nicht von Stunden. Auch an ihren Armen waren verblasste Male, unscharf wie Fingerabdrücke.

Mir stockte der Atem. Ich hatte diesen Blick schon gesehen. Bei meiner Mutter. Bei Lena.

Das Mädchen zuckte nicht unter meinem Blick. Sie fixierte das „Präsident“-Abzeichen auf meiner Weste.

„Bist du der Chef?“ Ihre Stimme flach, ohne kindliche Melodie.

Ich musste mich räuspern. „Ja.“

Sie nickte, als bestätigte sie eine Tatsache. Dann sah sie mir ins Gesicht – ein Auge klar und braun, das andere geschwollen – und suchte etwas.

„Mein neuer Papa schlägt mich“, sagte sie sachlich. „Und Mama auch.“

Die Welt um mich herum verschwamm. Musik, Gerüche, Hitze – alles weg. Nur dieses Kind, das in den Trümmern ihres Lebens stand und etwas berichtete, als spräche sie vom Wetter.

Ich wollte brüllen. Diesen „neuen Papa“ finden und ihm jeden Knochen in den Händen brechen. Sie auf meine Maschine zerren und davonfahren, bis die Landesgrenze nur noch eine Erinnerung war.

Doch das ging nicht. Ich war 62, nicht 22. Und dies war kein Problem, das sich mit einer Kette lösen ließ.

Langsam, mit knarrenden Knien, ging ich in die Hocke. Das Leder meiner Hose ächzte. Jetzt blickte sie mir direkt in die Augen. Ich sah Lena. Sah sie im Schrank, wie sie mich anflehte, leise zu sein.

„Wie heißt du, Kleine?“ Meine Stimme rauer als beabsichtigt.

„**Annelie**.“

„Alles klar, Annelie.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war ein Clubpräsident, Anführer harter Männer. Doch mit einem misshandelten Kind? Da war ich hilflos.

Dann stellte sie die Frage, die meine Welt zerbrach.

„Kannst du mein Papa sein?“

Keine Bitte. Ein Angebot. Eine verzweifelte Botschaft aus dem Schützengraben. Mein Herz – ein altes, vernarbtes Ding, von dem ich dachte, es wäre längst unbrauchbar – barst. Ich sah alles: die Zukunft, die ich ihr geben konnte, und die Vergangenheit, die mich nie losließ.

„Nein“, sagte ich, die Kehle eng. „Das kann ich nicht.“

Der winzige Hoffnungsschimmer in ihren Augen erlosch. Es traf mich wie ein Messer.

„Aber“, fügte ich schnell hinzu, „ich kann dein Freund sein. Ein Freund, der… andere davon abhält, gemein zu sein.“

Sie starrte mich an.

„Er… er macht mir Angst“, flüsterte sie, zum ersten Mal mit zitternder Stimme. „Mama auch. Er sagt, er ist wichtig. Dass ihm niemand glaubt.“

„Ich glaube dir“, sagte ich, überrascht von meiner eigenen Entschlossenheit. Ich griff in meine Weste, vorbei an den Zigaretten, und zog ein abgegriffenes Notizbuch hervor. Ein zerknüllter Zettel, auf dem ich meine Nummer kritzelte.

„Hier. Meine private Nummer. Nicht die vom Club. Meine.“ Ich hielt ihn ihr hin. „Wenn er dir Angst macht, wenn du dich unsicher fühlst… ruf an. Egal wann. Wir kommen.“

Ich betonte das „wir“. Hinter mir hatten zwei meiner Männer, **„Domini“** und **„Bär“**, uns bemerkt und waren näher gekommen. Zwei lebende Gargoyles in Leder.

Annelie betrachtete den Zettel, dann die beiden, dann mich.

Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht. Ein winziges Nicken. Sie faltete den Zettel, als wäre er aus Gold, und stopfte ihn tief in ihre Hosentasche.

„ANNELIE! Annelie, wo BIST du?“

Eine Frauenstimme, schrill vor Panik. Eine abgehärmte Frau rannte auf uns zu, hinter ihr ein Mann im Polohemd und Chino, charmant lächelnd. Er sah aus, als gehöre er ins Rathaus.

„Annelie, Schatz, du darfst nicht einfach— Oh mein Gott!“ Die Frau erstarrte, als sie mich und meine Männer sah.

„Da bist du ja!“ Der Mann tätschelte Annelies Schulter, zu fest. „Du machst uns Sorgen, Schatz. Was tust du bei… diesen Herren?“

Die Herablassung in seiner Stimme war messerscharf. Ich richtete mich auf. Überragte ihn um Haupteslänge.

„Sie hatte sich verlaufen“, knurrte ich.

„Danke fürs Aufpassen.“ Sein Lächeln wurde dünn. Er war **Herr Meier**, ein neuer Stadtrat, eine „Säule der Gemeinschaft“. Ich hatte seine Plakate gesehen. „Wir übernehmen jetzt.“ Er griff Annelies Arm. „Komm, Schatz. Wir reden nicht mit Fremden. Und schon gar nicht mit… dieser Sorte.“

Annelies Gesicht erstarrte. Als Meier sie und ihre Mutter wegzog, blickte sie über die Schulter zurück. Sie sagte nichts. Sie sah mich nur an.

Ich blieb stehen, den Geruch von Popcorn und Benzin in der Nase, bis sie in der Menge verschwanden.

„Was war das, Chef?“ Bär fragte leise neben mir.

„Das“, sagte ich schwer, „war ein Versprechen.“ Ich wandte mich der Spielzeugaktion zu. „Und eins, das ich halten werde.“

**…**

**Tagebucheintrag: Die stille Wache**

Am nächsten Morgen begann die „Nachbarschaftswache“. Kein offizielles Projekt. Eine Operation der Eisernen Retter – lautlos, kompromisslosUnd als Annelie an jenem Abend mit ihrem goldenen Buchstabenpokal in der Hand zwischen ihren 27 schrägen Beschützern stand, wusste ich endlich – manchmal wird ein Herz nicht durch Blut gebunden, sondern durch ein Versprechen.

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