Es gibt verschiedene Arten von Stille. Da ist die warme, kuschelige Stille eines Sonntagmorgens, wenn die Sonne die Staubkörnchen in der Luft zum Tanzen bringt. Da ist die schwere, gemütliche Stille, wenn Mama ein Buch liest, ihr Atem gleichmäßig und rhythmisch wie ein Metronom, das mein Leben taktet. Und dann gibt es die andere Stille. Die Stille, die schreit.
Ich war vier Jahre alt, aber ich war bereits ein Experte für Stille.
Ich erinnere mich, dass ich nicht durch ein Geräusch, sondern durch dessen Fehlen aufwachte. Das gleichmäßige Klacken des Heizkörpers in unserem Kellerapartment in der Kaiserstraße war verstummt, und eine leere Kälte lag in der Luft. Sie drückte gegen meine Wangen, scharf wie ein Messer. Ich setzte mich auf, umklammerte meinen Stoff-T-Rex „Herr Brüller“, dem ein Auge fehlte. Die grünen Zahlen der Mikrowelle blinkten: 3:47 Uhr.
Ich konnte die Uhr damals nicht lesen, nicht wirklich. Aber ich wusste, dass die Zahlen scharf aussahen, wie Zähne.
„Mama?“, flüsterte ich.
Keine Antwort.
Ich rutschte aus dem Bett. Der Linoleumboden war eiskalt unter meinen nackten Füßen. Ich tapste zum Sofa, auf dem Mama früher zusammengesackt war. Frau Schneider, unsere Nachbarin aus dem zweiten Stock, schnarchte leise im Sessel, ihre Stricknadeln auf der Brust wie gekreuzte Schwerter. Sie war heruntergekommen, als Mama zu zittern begann, als das erste Mal der Krankenwagen kam, Stunden zuvor. Aber sie hatten Mama nicht mitgenommen. Mama hatte sich geweigert. „Keine Versicherung“, hatte sie mit rauer Stimme gesagt. „Ich muss nur schlafen.“
Jetzt schlief Mama. Aber es war falsch.
Ich kletterte auf das Sofa und legte mein Ohr an ihre Brust. Es war zu still. Ihre Haut fühl sich feucht an, wie der Nebel, der über den Hamburger Hafen zieht. Ein schrecklicher Gedanke, klar und erwachsen in seiner Härte, breitete sich in meinem vierjährigen Gehirn aus: *Wenn ich wieder einschlafe, wacht sie nicht mehr auf.*
Ich sah zur Wiege in der Ecke. *Lina*. Meine kleine Schwester. Sie war sechs Monate alt, ein winziges Bündel Wärme in einem Raum, der immer kälter wurde.
„Mama braucht mich“, flüsterte ich in die Dunkelheit. „Lina braucht Mama. Wir müssen zusammenbleiben.“
Es war keine Wahl. Es war ein biologischer Befehl. Ich war der Mann im Haus – ein Titel, den Mama mir scherzhaft gegeben hatte, als sie mir zeigte, wie man ein Gurkenglas öffnet. Aber ich nahm ihn todernst.
Ich musste sie an den Ort mit den hellen Lichtern bringen. Wo die Ärzte waren. In die Innenstadt.
Ich ging zum Schrank. Der Kinderwagen stand da, ein Wirrwarr aus Gurten und kaputten Plastikrädern. Ich zerrte daran, aber die Verriegelung war vom Rost blockiert. Tränen stiegen mir in die Augen. Panik, heiß und beißend, kroch mir die Kehle hoch. Ich konnte ihn nicht reparieren. Ich war zu klein.
Dann sah ich ihn.
Hinter dem Staubsauger, in der hintersten Ecke, stand der Metall-Einkaufswagen, den Mama für die Wäsche benutzte. Kalt, stabil, nach Waschmittel und dem metallischen Geruch der Stadt riechend.
Ich zog ihn hervor. Die Räder quietschten – ein markerschütterndes Geräusch in der stillen Wohnung. Ich erstarrte, starrte Frau Schneider an. Sie drehte sich um, murmelte etwas von ihrer Katze und schlief weiter.
Ich bewegte mich mit der verzweifelten Präzision eines Soldaten hinter feindlichen Linien. Ich nahm die Steppdecke von meinem Bett – die mit den Sternen – und legte sie auf den Metallboden des Wagens. Ich nahm das Kissen. Dann ging ich zur Wiege.
Lina war schwer für mich. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, meine Brust gegen die Gitterstäbe stemmen, sie mit einem Grunzen hochheben. Sie regte sich, stieß einen leisen Laut aus.
„Pssst, Lina“, flüsterte ich, während mein Herz wie ein gefangener Vogel gegen meine Rippen hämmerte. „Wir gehen auf ein Abenteuer.“
Ich legte sie in den Wagen, zwischen die Sterne der Decke. Sie beruhigte sich, nuckelte am Daumen.
Ich zog meine Turnschuhe an. Ich überprüfte nicht, ob sie auf den richtigen Füßen waren. Ich schob einfach meine Fersen hinein, die Schnürsenkel schleiften. Ich griff nach meiner Jacke – der dicken blauen mit dem Reißverschluss, der immer steckenblieb.
Ein letzter Blick auf Mama. Ich konnte sie nicht tragen. Ich konnte sie nicht wecken. Aber ich konnte Hilfe holen. Ich konnte dorthin gehen, wo Hilfe war.
Ich schob den Wagen zur Tür. Schwer, beladen mit meiner Schwester und meiner Angst. Ich öffnete den Riegel – ein Trick, den ich gelernt hatte, indem ich auf einen Hocker stieg. Die Tür knarrte auf.
Der Wind traf mich sofort. Es war nicht nur kalt, es war ein Angriff. Der Hamburger Winter scherte sich nicht darum, dass ich vier war. Dass ich Angst hatte. Er wollte nur beißen.
Ich schob den Wagen in den Flur, dann zur schweren Haustür. Ich warf mein ganzes Gewicht gegen die Stange. Sie sprang auf.
Ich trat auf den Bürgersteig. Die Straßenlaternen summten über mir, warfen lange, skelettartige Schatten. Die Welt war weit, leer und erschreckend dunkel. Ich blickte nach links, dann rechts. Ich kannte den Weg nicht. Ich wusste nur, dass die „Innenstadt“ dort war, wo die Gebäude den Himmel berührten.
Ich atmete ein, schmeckte Schnee und Abgase. Und ich schob. Es gab kein Zurück.
Die Haustür schloss sich hinter mir mit einem Klicken, das im leeren Straßenzug widerhallte. Ich versuchte, sie zu öffnen, aber sie war verschlossen. Ich war ausgesperrt. Die Temperatur fiel, Lina schrie plötzlich im Wagen, und am Ende der Straße bog ein Paar Scheinwerfer um die Ecke, blendend, schnell, direkt auf uns zufahrend.
Die Scheinwerfer wurden größer, zwei glühende Augen im Schädel der Nacht.
„Einfrieren“, flüsterte ich mir zu, ein Befehl, den ich beim Versteckspielen gelernt hatte.
Ich schob den Wagen zum Schneehaufen am Rand, rutschte auf schwarzem Eis aus. Das Auto raste vorbei, eine schnelle Masse aus Metall und Gleichgültigkeit. Der Fahrtwind riss fast mich um, peitschte mit Schmutz gegen mein Gesicht. Der Fahrer sah uns nicht. Warum auch? Wir waren Geister. Ein Junge und ein Einkaufswagen, unsichtbar im grauen Matsch der Stadt.
Ich umklammerte den Griff des Wagens. So kalt, dass er sich wie Feuer in meinen Handflächen anfühlte. Ich hatte keine Handschuhe. Ich hatte nicht an Handschuhe gedacht. Ich hatte nur an Mama gedacht.
Schieben. Schritt. Schieben. Schritt.
Die Geografie von Hamburg um 3 Uhr morgens war ein fremder Planet. Tagsüber war der Hügel der Kaiserstraße nur ein Hügel. Nachts, für einen vierjährigen Jungen mit vierzig Kilo Last, war er ein Berg.
Meine Arme begannen zu brennen. Die Schnürsenkel meines linken Schuhs verfingen sich im Rad, rissen mich zu Boden. Ich stolperte, schürfte mein Knie auf dem rauen Asphalt. Ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu schreien. Schreien war für Babys. Ich war der große Bruder.
„Weiter geht’s, Lina“, keuchte ich, mein Atem dampfte wie Rauch. „Fast da.“
Und in diesem Moment, als ich Lina fester hielt und weiterging, wusste ich, dass wir überleben würden, egal was kam.



