Kapitel 1: Das sinkende Schiff
Die Heizung in Müllers Bistro knatterte wie ein sterbender Motor und pustete lauwarme Luft aus, die dem bitteren Winter in Frankfurt draußen nichts entgegensetzte. Ich stand hinter der Theke, meine Hände rot und rissig vom Bleichewasser, und starrte auf den Stapel roter Briefe neben der Kasse.
*Letzte Mahnung. Überfällig. Dringend.*
“Hör auf, sie anzustarren, Lina. Die zahlen sich nicht von selbst.”
Ich zuckte zusammen und sah Britta durch die schwingende Küchentür kommen. Sie trug keine Schürze. Die trug sie nie. Stattdessen steckte sie in einem engen Leopardenmuster-Kleid und einem Kunstpelzmantel, der an einem Dienstagnachmittag völlig fehl am Platz wirkte. Ihr schwerer, blumiger Parfümduft überdeckte den Geruch von bratendem Speck.
“Ich hab nur die Post sortiert”, sagte ich leise und schob eine lose Haarsträhne hinter mein Ohr. “Der Lieferant hat wieder angerufen. Keine weiteren Waren, bis wir die offene Rechnung für Eier und Milch bezahlen.”
Britta rollte die Augen und betrachtete ihr Spiegelbild im Serviettenhalter. “Das ist egal, Lina. All das spielt keine Rolle mehr nach morgen.”
Ein eisiger Knoten zog sich in meinem Magen zusammen. “Was passiert morgen?”
“Der Bauträger”, sagte sie, während sie sich neuen Lippenstift auftrug. “Herr Vogts Firma. Sie schicken einen Vertreter. Ich verkaufe den Laden.”
“Das kannst du nicht”, flüsterte ich, die Worte kratzten in meiner Kehle. “Papa hat dich schwören lassen. Auf seinem Sterbebett, Britta. Du hast versprochen, das Bistro für mich zu halten, bis ich einundzwanzig bin.”
Britta klappte ihren Puderspiegel zu. Die wenigen Gäste im Lokal – meist Stammkunden wie Herr Meier in der Ecke – blickten von ihrem Kaffee auf.
“Dein Vater lebte in einer Fantasiewelt”, zischte Britta und beugte sich über die Theke, sodass nur ich den muffigen Wein auf ihrem Atem roch. “Er hat mir einen Berg an Arztrechnungen und ein Restaurant hinterlassen, das kaum Gewinn macht. Ich bin der gesetzliche Vormund. Ich bin die Verwalterin. Und ich hab es satt, mir Fett von den Fingernägeln zu schrubben.”
Sie tippte mit einem lackierten Fingernagel auf die Theke. “Morgen unterschreiben wir. Wir nehmen das Geld. Ich ziehe nach Mallorca. Und du? Du bist jung, du wirst schon klarkommen.”
Ich umklammerte die Thekenkante, damit meine Hände nicht zitterten. Dieses Bistro war alles. Es war der Ecktisch, an dem ich Hausaufgaben machte, während Papa kochte. Der alte Jukebox, zu dem wir tanzten, wenn niemand da war. Der einzige Ort, an dem er mir noch lebendig vorkam.
“Ich unterschreibe nicht”, sagte ich mit zitternder, aber fester Stimme. “Mein Name steht auch auf der Urkunde. Papa hat es im Testament festgelegt. Du brauchst meine Unterschrift.”
Brittas Augen verengten sich. “Mach mich nicht wütend, kleines Mädchen. Du denkst, du hast Macht? Du hast nichts. Du bist eine neunzehnjährige Kellnerin mit drei Euro auf dem Konto.”
Bevor ich antworten konnte, schepperte die Glocke über der Tür heftig. Ein eisiger Windstoß, vermischt mit Schneeflocken und Abgasgeruch, fegte durch den Raum.
Alle drehten sich um.
In der Tür stand eine Gestalt, die wie eine Tragödie aussah. Ein alter Mann, gebückt, zitternd, als würden seine Knochen klappern. Sein Mantel war mit grauem Klebeband geflickt, seine Stiefel an den Zehen aufgerissen, darunter nasse Wollstrümpfe. Sein Bart war vereist, sein Gesicht grau vor Erschöpfung.
Die Stille im Bistro war drückend.
“Klasse”, stöhnte Britta laut und warf die Hände hoch. “Genau das, was wir brauchen, um die Käufer zu beeindrucken. Ein Penner. Mach, dass er verschwindet, Lina.”
Ich sah den Mann an. Er wirkte nicht aggressiv. Er hatte Angst. Mit sehnsüchtigem Blick betrachtete er die warmen Bänke, und das brach mir das Herz.
“Er erfriert, Britta”, sagte ich.
“Mir egal, ob er eine Eisskulptur ist”, fauchte sie. “Das hier ist kein Obdachlosenheim. Nur zahlende Gäste. Raus mit ihm.”
Noch einmal sah ich den Mann an. Er machte einen unsicheren Schritt, und seine Beine gaben nach. Er fing sich am Türrahmen, sein Atem ging röchelnd.
Ich traf eine Entscheidung.
“Nein”, sagte ich.
Britta erstarrte. “Wie bitte?”
“Ich sagte nein.” Ich ging hinter der Theke hervor, ignorierte ihren Schock und trat direkt zu dem alten Mann. “Mein Herr? Kommen Sie rein. Bitte.”
—
Kapitel 2: Der Preis der Güte
Der alte Mann sah mich mit wässrigen, blauen Augen an, die viel zu lebendig für jemanden wirkten, den das Leben so gebeutelt hatte.
“Ich… ich habe kein Geld, Fräulein”, krächzte er. Seine Stimme war überraschend klar, wenn auch schwach. “Ich brauche nur… einen Moment, um dem Wind zu entkommen.”
“Sie bekommen mehr als das”, sagte ich sanft und nahm seinen eiskalten Arm. Unter den Flicken spürte ich, wie dünn er war. “Setzen Sie sich in die letzte Nische. Da ist es am wärmsten.”
Ich führte ihn an den anderen Gästen vorbei. Herr Meier nickte mir wohlwollend zu, aber die meisten sahen weg, unwohl angesichts der Armut, die ihren Mittagessen störte.
Er sank förmlich in die Wärme. Seine schmutzigen, vernarbten Hände zitterten, als er sie auf den Tisch legte.
“Lina!” Brittas Stimme kreischte nun. Sie stürmte heran, ihre Absätze klackerten aggressiv auf den karierten Fliesen. “Bist du taub? Ich sagte, du sollst diesen Müll aus meinem Laden schaffen!”
“Ich habe Dienst, Britta”, sagte ich, fester als ich es mir zugetraut hätte. “Ich bediene einen Gast.”
“Er ist kein Gast! Er ist ein Penner!” Sie wandte sich an den alten Mann, ihre Lippe vor Abscheu gekräuselt. “Hey! Sie! Verschwinden Sie, bevor ich die Polizei rufe. Sie stinken wie eine Mülltonne.”
Der alte Mann zuckte nicht einmal. Er betrachtete sie nur mit einem seltsam durchdringenden Blick. “Ich habe nur Hunger, gnädige Frau. Ist eine Schüssel Suppe zu viel verlangt?”
“Ja, ist es!” schrie Britta.
“Ich bezahle sie”, warf ich ein. Zum alten Mann: “Hören Sie nicht auf sie. Ich komme gleich wieder.”
Ich stürzte in die Küche, mein Herz pochte gegen meine Rippen. Ich nahm eine saubere Schüssel, schöpfte eine große Portion von Papas berühmter Kartoffelsuppe – dick, cremig und dampfend heiß. Ich schnappte mir ein Körbchen mit frischem Brot und eine Tasse schwarzen Kaffee.
Als ich zurückkam, war die Atmosphäre zum Schneiden dick. Britta stand über dem Tisch, die Arme verschränkt, mit dem Fuß klopfend. Der alte Mann starrte regungslos geradeaus, würdevoll trotz ihrer Beschimpfungen.
Ich stellte das Essen hin. “Bitte. Essen Sie. Lassen Sie sich Zeit.”
Der Mann sah auf. Für einen kurzen Moment verschwand die Maske des müden Bettlers. In seinen Augen blitzte etwas Scharfes – Intelligenz, Macht, Urteilskraft.
“Sie haben ein gutes Herz, Lina”, sagte er leUnd als die Türglocke ein letztes Mal läutete, wusste ich, dass ich endlich zu Hause angekommen war.



