Petra Meier hatte fast sechs Jahre lang als Kindermädchen in München gearbeitet, doch nichts hatte sie auf das vorbereitet, was sie im Haushalt der Familie Bauer erlebte. Als sie den Job annahm, schien alles perfekt – das elegante Haus, die freundlichen Eltern und vor allem der fröhliche neun Monate alte Junge namens Lukas. Seine Mutter, Anna, arbeitete lange Stunden als Immobilienmaklerin, während sein Vater, Markus, als Softwareentwickler meist von zu Hause aus tätig war.
Die ersten Wochen verliefen reibungslos. Petra war von Lukas verzückt – sein Lachen erfüllte das stille Haus, und er hatte das ruhigste Temperament, das sie je bei einem Baby erlebt hatte. Doch dann bemerkte sie Dinge, die nicht stimmten. Immer wenn sie seine Windel wechselte, waren schwache rote Male an seinen Oberschenkeln. Zuerst dachte sie an einen Ausschlag oder eine zu enge Windel. Doch die Flecken sahen nicht wie Reizungen aus – sie waren seltsam geformt, fast wie Fingerabdrücke.
Vorsichtig sprach sie Anna eines Nachmittags darauf an. Anna wirkte ehrlich verwirrt, sogar besorgt, und versprach, mit dem Kinderarzt zu sprechen. Doch in der folgenden Woche entdeckte Petra dieselben Male – neue Flecken an anderen Stellen. Das Muster war zu merkwürdig, um es zu ignorieren.
Dann waren da die Geräusche. Während Lukas schlief, hörte sie oft Schritte im Obergeschoss, obwohl Markus behauptete, in seinem Büro im Keller zu arbeiten. Einmal, als sie nach Lukas sehen wollte, hörte sie ein leises Klicken – von der Kindertür aus.
Ihre Unruhe wuchs zu Angst. Eines Morgens, nachdem sie einen weiteren Fleck – diesmal einen blauen Fleck – entdeckt hatte, fasste sie einen Entschluss. Sie kaufte eine winzige Kamera, getarnt als Lufterfrischer, und platzierte sie in einer Ecke des Kinderzimmers.
Zwei Tage lang passierte nichts Ungewöhnliches. Doch am dritten Nachmittag, während Lukas schlief, überprüfte sie die Aufnahmen auf ihrem Handy. Ihre Hände zitterten, als sie auf “Abspielen” drückte.
Die ersten Minuten zeigten nur einen schlafenden Säugling. Dann knarrte die Tür – langsam, leise. Eine Gestalt trat ein. Petra erstarrte. Es war nicht Anna. Es war auch nicht Markus. Es war jemand, den sie noch nie gesehen hatte.
Ihr stockte der Atem, als die Unbekannte sich über das Bettchen beugte.
Es war eine Frau, vielleicht Ende fünfzig, in einem verblassten Blumenkleid. Ihre Bewegungen waren bedacht, fast zärtlich, als sie Lukas’ Gesicht berührte. Dann, zu Petras Entsetzen, öffnete sie den Strampler und drückte etwas Kaltes, Metallisches gegen seine Haut. Lukas wimmerte leise, weinte aber nicht.
Petras erster Impuls war, sofort ins Haus zu rennen, doch sie zwang sich, weiterzuschauen. Die Frau bewegte sich durch das Zimmer, als kenne sie es genau. Sie nahm Lukas’ Schnuller, roch daran und lächelte flüchtig – wie jemand, der sich an eine Erinnerung klammerte. Dann flüsterte sie etwas, das das Mikrofon kaum einfing: „Du siehst ihm so ähnlich.“
In dieser Nacht fand Petra keinen Schlaf. Ihr Kopf durchspielte jede Möglichkeit – eine Nachbarin mit einem Schlüssel, eine unbekannte Verwandte, eine eindringende Fremde. Doch am nächsten Morgen erwähnte Markus beiläufig, dass er länger arbeiten müsse, und Anna wäre bis Mitternacht bei einer Besichtigung. Das Timing fühlte sich… seltsam an.
Sie beschloss, die Eltern zur Rede zu stellen – doch nicht, bevor sie zwei weitere Kameras installierte: eine im Flur und eine auf den Hauseingang gerichtet.
Am nächsten Abend, als sie die neuen Aufnahmen sichtete, wurde die Wahrheit noch rätselhafter. Die mysteriöse Frau tauchte wieder auf – doch sie kam weder durch die Haustür noch den Flur. Sie erschien aus dem Keller.
Petras Blut gefror. Der Keller war Markus’ Arbeitsbereich. Er hatte ihr ausdrücklich gesagt, dass er „tabu“ sei wegen seiner vertraulichen Projekte. Doch nun schien dort etwas weit Schlimmeres vorzugehen.
Als Markus am nächsten Tag einkaufen ging, schlich Petra in den Keller. Die Luft war feucht, erfüllt von einem metallischen Geruch. Am Ende entdeckte sie eine abgeschlossene Tür mit einem kleinen Keypad. Kratzer um das Schloss deuteten darauf hin, dass jemand von innen versucht hatte, es zu öffnen.
Sie trat schnell zurück, ihr Puls raste. Noch am selben Abend rief sie anonym die Polizei und meldete einen möglichen Eindringling.
Als die Beamten eintrafen, wirkte Markus gelassen – sogar kooperativ. Er erlaubte ihnen, das Haus zu durchsuchen, inklusive des Kellers. Sie fanden nichts. Die verschlossene Tür, so behauptete er, führte zu einem alten Abstellraum. Er gab den Code ein und öffnete sie: leere Regale, Staub und ein schwacher Bleichegeruch.
Die Polizei ging. Petra fühlte sich gedemütigt – und doch stimmte etwas nicht. Warum war die Frau einfach verschwunden? Wieso waren am nächsten Tag wieder Flecken auf Lukas’ Haut?
Also ließ sie die Kameras weiterlaufen. Und zwei Nächte später sah sie endlich die Wahrheit.
Die Aufnahme begann wie die anderen – das stille Kinderzimmer, der schlafende Lukas. Dann, aus dem Rand des Bildes, öffnete sich die Kellertür erneut. Dieselbe Frau erschien, mit glasigem Blick und roboterhaften Bewegungen.
Doch diesmal folgte ihr Markus.
Petra erstarrte. Auf der Aufnahme sprach Markus leise und führte die Frau am Arm. „Es ist okay, Mama“, flüsterte er. „Du darfst ihn nur kurz sehen.“
Mama.
Die Erkenntnis traf Petra wie ein Schlag. Die Frau war keine Fremde – sie war Markus’ Mutter. Später bestätigten Polizeiakten, dass es sich um Helga Bauer handelte, eine ehemalige PsychiatriepflegDie Aufzeichnungen enthüllten, dass Helga vor Jahren an schwerer Demenz erkrankt war und Markus sie heimlich im Keller gepflegt hatte, weil er sie nicht in ein Pflegeheim geben wollte, doch nun musste Petra zusehen, wie die Familie auseinanderbrach und Lukas in Sicherheit gebracht wurde.



