Es war eine regnerische Nacht in Freiburg. Sabine saß auf dem kalten Boden und umarmte ihren sich rundenden Bauch. Im Wohnzimmer flüsterte Markus mit einer Frau, deren Identität niemand erraten musste. Sie hatte keine Kraft mehr für Fragen – alles war klar.
Sie hatte alles geopfert: war zurück zur Arbeit gegangen, hatte Markus geholfen, sein Restaurant in Freiburg aufzubauen, und sich selbst erniedrigt. Doch als das Geschäft endlich erfolgreich war, waren seine ersten Worte: *”Jetzt liebe ich dich.”*
Zuerst dachte sie, sie würde es aushalten. Wegen des Kindes. Doch als Markus den Ultraschall wegwarf und kalt sagte: *”Mach es weg, ich bezahle alles.”*, verstand sie: Es gab nichts mehr, zu dem sie zurückkehren konnte.
Leise packte sie etwas Kleidung und ihr Erspartes in einen Rucksack. Bevor sie ging, warf sie einen letzten Blick auf das Hochzeitsfoto an der Wand und murmelte: *”Ich werde nicht mehr weinen.”*
Sie nahm den Zug nach Hamburg – eine Stadt groß genug, um unterzutauchen, weit genug, um nicht gesehen zu werden, neu genug, um von vorn anzufangen.
Als sie ankam, war sie bereits im fünften Monat. Ohne Wohnung, ohne Familie, ohne Job… nur der brennende Wunsch, für ihr Kind zu leben.
Sie fand Arbeit als Kellnerin in einem kleinen Café am Hafen. Die Besitzerin, Frau Schneider, hatte Mitleid und bot ihr ein winziges Zimmer hinter der Küche an. *”So ist das Leben einer Frau. Manchmal musst du stärker sein, als du denkst.”*, sagte sie.
Im Oktober kamen im örtlichen Krankenhaus Zwillinge zur Welt. Sie nannte sie Lina und Klara, in der Hoffnung, ihr Leben möge fest und stark sein, wie ihre Namen.
Sieben Jahre vergingen. Sabine hatte inzwischen einen kleinen Blumenladen in der Kölnstraße – genug, um sich und die Mädchen zu versorgen. Die Zwillinge waren klug: Lina, fröhlich; Klara, ernst… aber beide verrückt nach ihrer Mutter.
An Weihnachten sah Sabine Markus im Fernsehen: Inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer in Freiburg, Besitzer einer Restaurantkette, verheiratet mit Katrin, der ehemaligen Geliebten. Händchenhaltend lächelten sie in die Kamera – die perfekte Familie.
Doch Sabines Blut kochte nicht mehr. Der Zorn war verraucht; nur Enttäuschung und ein bitteres Lachen blieben.
Sie betrachtete ihre Töchter, schön und voller Leben. Kinder, deren Vater sie hatte abtreiben wollen – und die nun ihre größte Kraft waren.
In dieser Nacht postete sie auf Facebook, nach sieben Jahren Schweigen:
*”Ich bin zurück. Und nicht mehr die Sabine von damals.”*
**Die Rückkehr**
Nach Weihnachten kehrte Sabine mit den Zwillingen nach Freiburg zurück. Sie mietete ein kleines Haus in der Innenstadt und nahm den Namen Sarah Berger an.
Sie wollte keine Anerkennung von Markus. Nur, dass er denselben bitteren Schmerz und dieselbe Demütigung spürte.
Sie Bewarb sich als Eventkoordinatorin in Markus’ Restaurantkette. Unter ihrer neuen Identität wurde sie bald als Sarah bekannt: professionell, bestimmt, leicht umgänglich. Markus erkannte sie nicht – im Gegenteil, er schien fasziniert von dieser charismatischen Mitarbeiterin.
*”Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Haben wir uns schon mal gesehen?”*, fragte Markus bei der Firmenfeier.
Sarah lächelte, ein kühler Funke in ihren Augen:
*”Vielleicht nur ein Traum. Aber ich bin die Sorte Frau, die man schnell vergisst.”*
Ein seltsames Unbehagen drückte auf seine Brust.
**Die Enthüllung**
Wochen später fühlte sich Markus immer stärker zu Sarah hingezogen. Sie aber streute gezielt Hinweise: das Lied, das er früher ständig hörte, das Gericht, das sie einst für Sabines Geburtstag gekocht hatte, das Gedicht, das er ihr gewidmet hatte.
Markus blieb nicht gleichgültig. Wer war diese Sarah wirklich?
Er begann, ihre Vergangenheit zu erforschen. Die Akte sagte: Sarah Berger, aus Hamburg, alleinerziehende Mutter von Zwillingen.
Zwillinge? Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken.
Eines Tages stand er unangekündigt vor ihrer Tür. Als sie öffnete, standen zwei Mädchen dort. Eines sah ihn an und fragte:
*”Onkel, warum sehe ich dir so ähnlich?”*
Es war, als würde ihm eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen.
Sarah trat heraus und sagte:
*”Da siehst du’s. Das sind deine Töchter.”*
Markus erbleichte.
*”Du… bist Sabine?”*
Sie nickte.
*”Nein. Ich bin die Mutter der Kinder, die du wegmachen lassen wolltest. Die Frau, die du für deine Geliebte *getötet* hast.”*
Markus war wie betäubt. Die Erinnerungen überfluteten ihn: der Moment, in dem er sein Kind verwarf, die Kälte seiner Worte. Und jetzt standen vor ihm zwei lebendige Mädchen – der Beweis seiner Schuld.
In derselben Nacht kehrte er zu Sarah zurück und kniete weinend vor ihrer Tür.
*”Vergib mir. Gib mir eine Chance. Lass mich ihr Vater sein.”*
Doch Sarah antwortete fest:
*”Dazu hast du kein Recht. Du hast sie nicht gewählt. Du hättest für sie kämpfen sollen – stattdessen hast du sie weggeworfen. Willst du dich jetzt loskaufen? Meine Töchter sind keine Trophäen für deine Reue.”*
*”Ich will nur meine Schuld begleichen…”*
*”Das wirst du.”*, unterbrach sie ihn. *”Ab morgen überträgst du 20 % deiner Restaurantanteile an die Stiftung für alleinerziehende Mütter. Und du wirst es eigenhändig unterschreiben – als Entschuldigung.”*
Markus zitterte.
*”WUnd so ging Sabine ihren Weg – stolz, stark und mit der Gewissheit, dass ihre Töchter alles hatten, was sie brauchten: eine Mutter, die niemals aufgab.



