Kapitel 1: Der Letzte Spezialist
Die Stille auf dem Ritter-Anwesen war nicht friedlich. Sie war kalt und schwer, so dick und erdrückend wie die Samtvorhänge, die die Sonne Brandenburgs fernhielten. Für Friedrich Ritter, 65, war Stille Versagen. Ein Problem, das er nicht feuern konnte, eine Verhandlung, die er nicht gewinnen konnte, ein Konto, das nicht aufging. Und seit zwei Jahren hatte dieses Versagen die Gestalt seines Enkels angenommen.
Lukas war zehn. Er hatte kein Wort mehr gesprochen, seit er an diesem Tag seine Mutter, Friedrichs einzige Tochter, auf dem polierten Marmor des Foyers zusammenbrechen sah. Ein plötzliches, lautloses Aneurysma. Einen Moment lachte sie noch, während sie sich ihre Gartenhandschuhe überstreifte, im nächsten lag sie reglos da – ein Fall für den Gerichtsmediziner. Lukas hatte ihre Hand gehalten.
Jetzt saß Friedrich in seinem mit Leder ausgekleideten Arbeitszimmer, der Duft alter Bücher und noch älteren Geldes in der Luft, und lauschte, wie der neueste Spezialist seine Tasche packte.
„Herr Ritter“, sagte Dr. Bauer und schnappte seinen Aktenkoffer zu – ein Geräusch, das in dem grabessstillen Raum wie ein Schuss hallte. „Ich bin vor allem ein Mann der Wissenschaft. Und Wissenschaft braucht eine Variable. Einen Anhaltspunkt. Etwas, das man messen kann. Ihr Enkel… bietet nichts.“
Friedrichs Hände, auf dem Mahagonischreibtisch verschränkt, verkrampften sich. Die Knöchel wurden weiß. „Er ist ein zehnjähriger Junge, Doktor. Kein Experiment.“
Dr. Bauer, ein dünner Mann mit noch dünnerer Geduld, seufzte. „Er ist ein Fall von profundem selektiven Mutismus, ausgelöst durch akutes Trauma. Wir haben kognitive Therapie versucht, Kunsttherapie, Musiktherapie. Wir haben hier sogar einen Golden Retriher gehabt, verdammt noch mal. Er hat den Hund gestreichelt, Herr Ritter, aber er hat nicht mit ihm gesprochen. Er ist verschlossen. Oder genauer gesagt, er hat uns ausgesperrt.“
„Also geben Sie auf“, stellte Friedrich fest. Es war keine Frage.
„Ich überweise Sie“, korrigierte der Arzt und schob eine glänzende Broschüre über den Tisch. „Das Institut Tannenberg. Eine stationäre Einrichtung. Sie sind… ausgestattet für solche Fälle. Langfristig.“
Friedrich betrachtete die Broschüre. Ein steriles Gebäude auf einem akkuraten Rasen. Es sah aus wie ein Gefängnis für Reiche. Eine heiße Wut stieg in ihm auf. Er hatte ein Imperium aus dem Nichts aufgebaut, hatte Märkte und Konkurrenten gebrochen, doch er konnte nicht ein einziges Wort aus einem Kind herausbekommen.
„Er ist der Letzte meiner Linie, Doktor“, sagte Friedrich, seine Stimme ein gefährliches Flüstern. „Er ist kein ‚Fall‘. Er ist ein Ritter. Er wird nicht weggeschafft wie ein… störendes Möbelstück.“
„Wie Sie wünschen.“ Dr. Bauer zuckte nicht zusammen. Schließlich war er teuer, und sein Mangel an Einfühlungsvermögen gehörte zu seinem Markenzeichen. „Aber meine Rechnung und meine professionelle Meinung bleiben. Sie bekämpfen eine psychologische Festung mit einem Luftgewehr. Sie brauchen einen anderen Ansatz. Oder Sie müssen aufgeben. Guten Tag.“
Friedrich sah ihm nicht nach. Er hörte, wie die Schritte des Mannes auf dem Marmor verhallten – demselben Marmor, auf dem Amelia gestürzt war. Er blickte durch die bleiverglasten Fenster auf das Grundstück.
Und da war, wie immer, Lukas.
Der Junge stand am Rand des formalen Gartens. Oder was davon übrig war. Es war Amelias Leidenschaft gewesen. Jetzt war es ein Skelett. Braune, abgestorbene Hecken, von Unkraut überwucherte Beete und ein verfallener Steinvogelbrunnen. Eine perfekte, äußere Spiegelung der Stille im Haus. Lukas stand einfach da, eine kleine, reglose Figur in der weiten, toten Landschaft. Er spielte nicht. Er erkundete nicht. Er beobachtete nur. Wartete.
Friedrichs Gegensprechanlage summte. Er drückte den Knopf. „Was?“
Es war Frau Schröder, die Haushälterin, deren Stimme zitterte. Sie war bei der Familie, seit Amelia noch nicht geboren war. „Herr Ritter… da Dr. Bauer geht… was sollen wir tun? Der Junge… er braucht jemanden.“
„Wofür ich Sie bezahle, Frau Schröder, ist, den Haushalt zu führen, nicht das Offensichtliche festzustellen“, fauchte Friedrich.
Eine Pause. Dann, mit leiser, tapferer Stimme: „Die Agentur hat niemanden mehr, Herr Ritter. Keinen… Qualifizierten. Alle haben es versucht.“
„Dann holen Sie jemand Unqualifiziertes! Es ist mir egal! Hauptsache, es ist ein Körper. Ein Babysitter. Jemand, der darauf achtet, dass er nicht auf die Straße läuft.“ Friedrich griff bereits zum Telefon, um seine Anwälte wegen des Tannenberg-Instituts anzurufen – um es zu bekämpfen, zu kaufen, egal was es kostete.
„Da ist… eine Person“, wagte Frau Schröder zu sagen. „Sie war in der ‚Haushaltsakte‘, nicht unter ‚Medizinisch‘. Ihre Referenzen sind… eigenartig, Herr Ritter. Sehr gut, aber… sie ist keine Krankenschwester. Sie war in den letzten Jahren in der Hospizpflege. Und davor…“
„Zur Sache, Frau Schröder!“
„Ihr Name ist Erika Meier. Ihre Referenzen sagen, sie habe eine… Gabe fürs ‚Behüten‘. Ein Brief sagte: ‚Sie saß bei meiner Mutter, als sie starb. Sie sprach nicht viel, aber das Zimmer fühlte sich… lebendig an.‘ Und ihre Haupttätigkeit vor dem Hospiz… war Gärtnermeisterin.“
Friedrich stockte. Er blickte wieder aus dem Fenster. Auf den toten Garten. Auf den stummen Jungen. Ein bitteres, humorloses Lachen entfuhr ihm. Eine Gärtnerin. Wie perfekt absurd.
„Gut“, spuckte er, jedes Wort triefend vor Sarkasmus. „Engagieren Sie die Gärtnerin. Vielleicht kann sie mit dem Unkraut kommunizieren. Mehr haben wir vom Jungen nicht bekommen.“
Zwei Tage später kam Erika Meier. Nicht im seriösen Dienstwagen wie die Ärzte, sondern in einem verblassten blauen Transporter mit zwei großen Terrakottatöpfen hinten drauf. Sie war in den Sechzigern, wie Friedrich, aber wo er scharfe Kanten und maßgeschneiderte Anzüge war, war sie weiche Rundungen und Pragmatismus. Sie trug strapazierfähige Schuhe, einen schlichten Rock und eine Strickjacke. Ihre Hände, als sie ihm kurz die seine schüttelte, waren nicht weich. Sie waren kräftig, die Nägel kurz geschnitten, die Haut von alten Schwielen und leichten Erdspuren gezeichnet.
Friedrich führte sie in die Bibliothek. Lukas saß dort in einem großen Sessel, seine Füße berührten nicht den Boden, ein Buch auf dem Schoß. Er hatte seit einer Stunde keine Seite umgeblättert.
„Das ist der Junge. Lukas“, sagte Friedrich, als präsentiere er ein Grundstück. „Er spricht nicht.“
Erika sah Lukas an. Sie stürzte nicht mit einem aufgesetzten Lächeln auf ihn zu wie die Therapeuten. Sie redete nicht in Babysprache auf ihn ein. Sie stand einfach da, ein paar Meter entfernt, und hielt seinen Blick. Lukas’ Augen, sonst stumpf und distanziert, blinkten vor… etwas. Neugier.
Erika nickte, eine kleine, schlichte Anerkennung von einem Menschen zum anderen.
Dann wandte sie ihren Blick vom Jungen zum großen Fenster hinter ihm. Dem Fenster, das auf den toten Garten blickte.
Sie betrachtete es lange. Friedrich räusperte sich ungeduldig. „Nun? Was ist Ihr Plan? Mehr Kunst? Mehr… Hunde?“
Erika drehte sich nicht um. Ihre Stimme, als sieUnd als der erste Vogel in dem wiedererwachten Garten zu singen begann, wusste Friedrich, dass die Stille endlich gebrochen war.



