Also, der Morgen hatte ganz anders angefangen. Hannah Schneider, sieben Monate schwanger und völlig erschöpft, stand in der Küche des Hauses, das sie einst für ihr Zuhause gehalten hatte, und sah zu, wie ihr Mann Lukas einen Koffer packte. Nicht für eine Geschäftsreise. Für sie. Er sagte, sie hätte bis Mittag Zeit zu gehen. Seine Geliebte, Jasmin, würde heute einziehen. Hannahs Hände zitterten, als sie sich an der Arbeitsplatte festhielt. Sie fragte ihn nach ihrem Baby, nach der Tochter in ihrem Bauch, die er versprochen hatte zu lieben. Lukas sah nicht einmal von seinem Handy auf. Er sagte, Jasmin wäre auch schwanger, und dieses Baby sei ihm wichtuer. Hannah sei langweilig, schwach und nutzlos geworden.
Er meinte, seine Anwälte hätten die Scheidungspapiere schon vorbereitet, und sie könne sich glücklich schätzen, wenn sie ihr Kind einmal im Monat unter Aufsicht sehen dürfte. Hannah spürte, wie ihre Knie nachgaben, doch sie weinte nicht. Noch nicht. Die Tränen hatte sie schon in den letzten drei Monaten vergossen, seit sie von der Affäre wusste. Sie hatte geweint, als Lukas nach Hause kam und nach Jasmins Parfüm roch. Sie hatte geweint, als er aufgehört hatte, ihren Bauch zu berühren, um die Tritte ihrer Tochter zu spüren. Sie hatte geweint, als er sie ins Gästezimmer verbannte, weil ihr schwangerer Körper ihn angeekelt hatte. Doch heute Morgen, in dieser Küche, in der sie einst seine Geburtstagskuchen gebacken und ihn an Weihnachten geküsst hatte, beschloss Hannah, nicht einfach still zu verschwinden.
Sie sagte Lukas, sie würde das Sorgerecht, den Unterhalt und die Hälfte von allem einfordern, was er in ihrer Ehe aufgebaut hatte. Da veränderte sich sein Gesicht. Die Maske der Gleichgültigkeit brach, und darunter kam etwas Kaltes, Schlangenartiges zum Vorschein. Er trat ganz nah an sie heran, so nah, dass sie Kaffee auf seinem Atem roch, und flüsterte, falls sie es wage, vor Gericht zu kämpfen, würde er dafür sorgen, dass sie ihre Tochter nie wieder sähe. Er hätte Geld, Macht und Anwälte, die beweisen könnten, dass sie psychisch labil sei. Er hätte sogar einen Arzt bestochen, der bezeugen sollte, Hannah leide unter einer Schwangerschaftspsychose. Dann lächelte er, genau so, wie damals vor sechs Jahren, als sie sich in ihn verliebt hatte, und sagte, die Verhandlung wäre in zwei Stunden. Er hätte bereits Notanträge gestellt, ihre Konten gesperrt und ihre Sachen in eine Abstellkammer am anderen Ende der Stadt bringen lassen.
Hannahs Brust schnürte sich zusammen, als sich der Raum um sie drehte. Sie legte die Hand auf ihren Bauch und spürte, wie ihre Tochter schwach trat, als würde sie ihre Panik spüren. Lukas verließ die Küche, und Sekunden später betrat Jasmin den Raum – in Hannahs Seidenmorgenmantel. Sie schenkte sich Kaffee in Hannahs Lieblingstasse ein und setzte sich an den Tisch, als gehöre ihr der Platz. Was es ja jetzt auch tat. Jasmin sah Hannah an – ohne Reue, ohne Scham, nur mit Triumph in den Augen. Sie sagte, Lukas hätte sie nie geliebt, er hätte sie nur wegen seines Images als Familienmann geheiratet. Er hätte den Auszug geplant, seit der Schwangerschaftstest positiv war. Dann sagte Jasmin etwas, das Hannahs Blut gefrieren ließ: Sobald das Baby da wäre, würde Lukas das volle Sorgerecht bekommen, und Jasmin würde das Kind großziehen.
Hannahs Tochter würde Jasmin „Mama“ nennen und Hannah vergessen. Hannah starrte diese Frau an, diese Fremde, die ihr Leben zerstört hatte, und zum ersten Mal seit Monaten fühlte sie etwas Stärkeres als Traurigkeit. Reine, brutale Wut. Sie sagte Jasmin, sie würde sie vor Gericht wiedersehen. Jasmin lachte, genau wie Lukas, und meinte, Hannah hätte keine Ahnung, mit wem sie es zu tun hätte. Dann beugte sie sich vor und flüsterte, sie würde dafür sorgen, dass Hannahs Baby vorzeitig zur Welt käme – egal wie. Die Drohung hing wie Gift in der Luft. Hannah drehte sich um und verließ das Haus, ihre Hände zitterten so sehr, dass sie kaum den Autoschlüssel halten konnte. Sie hatte kein Geld, keinen Anwalt, keinen Plan. Doch sie hatte etwas, wovon Lukas nichts wusste.
Einen Namen. Eine Erinnerung. Einen Mann mit silbernem Haar, den sie seit ihrem sechsten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte – dessen Gesicht sie aber nie vergessen hatte. Ihren Vater. Richter Wilhelm Bauer. Der einflussreichste Familiengerichtsrichter im Land. Der Mann, von dem ihre Mutter sie in einem so erbitterten Sorgerechtsstreit entführt hatte, dass er vor dreiundzwanzig Jahren Schlagzeilen gemacht hatte. Hannahs Mutter hatte ihr erzählt, ihr Vater wolle sie nicht, er hätte seine Karriere über seine Familie gestellt. Doch Hannah hatte ein Foto versteckt, in einer Schachtel unter ihrem Kinderbett. Ein Foto von ihrem Vater, wie er sie auf den Schultern trug, beide lachend, seine Augen voller Liebe, so intensiv, dass sie durch das Bild zu brennen schien.
Jetzt, auf dem Weg zum Gericht, während ihr Baby unruhig in ihr strampelte, würde sie die Wahrheit herausfinden.
Der Gerichtssaal roch nach altem Holz und Angst. Hannah saß allein am Klägertisch, die Hände schützend über ihren Bauch gefaltet, und versuchte, ruhig zu atmen. Auf der anderen Seite saßen Lukas, sein Anwalt und Jasmin, die sich wie in einem Nobelclub unterhielten und lachten, statt bei einer Sorgerechtsverhandlung. Hannahs Pflichtverteidigerin, eine abgekämpfte Frau mit Kaffeeflecken auf dem Blazer, hatte ihr schon gesagt, wie es laufen würde: Mit Lukas‘ Geld und Anwälten könnte sie froh sein, wenn sie ihr Kind zweimal im Monat unter Aufsicht sähe.
Dann rief der Gerichtsdiener zur Ordnung, und Hannahs Herz setzte fast aus. Denn durch die Tür des Richterzimmers kam der Mann von dem Foto. Ihr Vater. Richter Wilhelm Bauer. Er bewegte sich mit der kontrollierten Präzision eines Mannes, der seit dreißig Jahren Gerichtssäle beherrschte. Sein Gesicht zeigte keine Regung, keine Erkenntnis, nur professionelle Distanz. Doch als sein Blick durch den Raum schweifte und auf Hannah fiel, zuckte etwas in seinen Augen. Seine Hand umklammerte den Hammer fester. Sein Kiefer spannte sich.
Erkannte er sie? Erinnerte er sich an das kleine Mädchen, das auf seiner Brust eingeschlafen war, während er Akten las? Oder hatten dreiundzwanzig Jahre sie ausgelöscht?
Lukas‘ Anwalt erhob sich zuerst, seine Stimme glatt und geübt. Er malte Hannah als psychisch labile, depressive Versagerin, die nicht in der Lage wäre, ein Kind zu versorgen. Er präsentierte manipulierte Arztberichte, die vorgaukelten, sie hätte Vorsorgetermine verpasst, und psychiatrische Gutachten, die ihr die Mutterfähigkeit absprachen.
Jedes Wort war ein Messer. Jede Lüge traf tiefer. Hannah wollte etwas sagen, sich wehren, doch ihre Pflichtverteidigerin flüsterte, dass Ausbrüche alles nur schlimmer machen würden. Dann betrat Lukas den Zeugenstand. Er beschrieb Hannah als paranoid und kontrollsüchtig, behauptete, sie hätte gedroht, sich und dem Baby etwas anzutun, falls er sie verlassen würde. Er sagte, er hätte Angst um seine ungeborene Tochter. Dabei sah er den Richter direkt an, mit vorgetäuscht zitternder Stimme. Die Vorstellung war perfekt. Hannah sah den Mann, den sie geliebt hatte, zu einem Monster werden – mit dem Gesicht ihres Ehemannes. Hinter ihm saß Jasmin, die betroffen nickte und die besorgte zukünftige Stiefmutter spielte.
Richter Bauer hörte regungslos zu, machte Notizen,Als Richter Bauer endlich sprach, war seine Stimme nicht mehr die eines Richters, sondern eines Vaters, der bereit war, die Welt niederzubrennen, um seine Tochter zu retten.



