**Kapitel 1: Die Last der Leere**
Die Stille in Arno Bergmanns Büro im 72. Stock wog wie eine unsichtbare Decke, schwer und kalt wie der Hamburger Winterhimmel hinter den riesigen Fenstern. Das Büro, einst das Herz eines Immobilienimperiums, das die Skyline der Stadt geprägt hatte, war jetzt ein leeres Mausoleum. Die Mahagoniregale standen kahl, die Wände frei von Kunst, die Ledersessel – bis auf den, in dem er saß – waren verschwunden.
Arno, 72, war ein Geist in seinem eigenen Leben.
Vor einem Jahr war Lotte noch hier. Sie wäre hereingestürmt, roch nach frischer Luft und dem teuren, dezenten Parfüm, das er ihr seit fünfzig Weihnachten schenkte. Hätte ihre alte Ledertasche auf seinem milliardenschweren Schreibtisch fallen lassen, die Proteste seiner Assistenten ignoriert und ihm gesagt, er arbeite zu viel.
Vor einem Jahr war Lotte gestorben. Ein plötzliches Aneurysma, das sie in weniger als zwölf Stunden dahinraffte. Und mit ihr verschwand die Farbe aus Arnos Welt.
Jetzt verlor er „alles“, wie die Zeitungen atemlos berichteten. Doch sie lagen falsch. Er verlor nichts. Er gab es weg. Schüttelte es ab. Veräußerte sein Lebenswerk. Den Bergmann-Tower, die Wohnanlagen, die Kunstsammlung und – am schmerzhaftesten – ihr geliebtes Familienhaus am Elbufer. Er löschte sich aus, denn ohne sie ergab das Bild keinen Sinn.
„Vater, wir müssen fertig werden.“
Arno fuhr hoch. Sein Sohn, Matthias, stand am Schreibtisch, sein Spiegelbild eine scharfe, ungeduldige Silhouette gegen den grauen Himmel. Matthias, 45, war alles, was Arno einmal gewesen war: pragmatisch, rücksichtslos und allergisch gegen Sentimentalität. Für ihn war dieser Prozess keine Tragödie, sondern sentimentaler Unsinn, ein katastrophales Ende ihres Vermächtnisses.
„Die Auktion der Firmenanteile beginnt um zwei“, drängte Matthias und tippte mit dem Stift auf sein Tablet. „Die Auflösungsdokumente brauchen nur noch deine Unterschrift. Hier.“
Er schob einen Stapel Papiere über die leere Schreibtischfläche.
Arno griff nach dem vergoldeten Füller – ein Geschenk eines längst toten Bürgermeisters. Seine Hand, sonst so sicher, zitterte. Jede Unterschrift war eine Schaufel Erde auf seinem eigenen Sarg.
„Das ist ein Fehler, Vater“, sagte Matthias, seine Stimme angespannt. „Du lässt die Trauer dein Urteil trüben. Du zerstörst, was du – was wir – aufgebaut haben.“
„Was ich aufgebaut habe, Matthias“, erwiderte Arno mit rauer Stimme. „Es ist nur Glas und Stahl. Es bedeutet nichts.“
„Es bedeutet alles!“ Matthias lief unruhig auf und ab, seine teuren Schuhe machten keinen Laut auf dem dicken Teppich. „Es ist unser Name. Und du verbrennst ihn einfach, weil du traurig bist.“
*Traurig.* Das Wort war eine Beleidigung. Als nannte man einen Tsunami „etwas Wind“. Arno war nicht traurig. Er war ausgehöhlt. Ein Gebäude, bis auf das Skelett abgerissen, das auf die Abrissbirne wartete.
Er unterschrieb eine weitere Seite. *Bergmann Immobilien AG, aufgelöst.*
„Sie hätte das nicht gewollt“, versuchte Matthias es anders.
„Wag es nicht, mir zu sagen, was sie gewollt hätte“, fuhr Arno ihn an, die erste Hitze seit Monaten in seiner Stimme. „Du hast keine Ahnung.“
Matthias zuckte zurück, dann versteinerte sein Gesicht. „Gut. Sei stur. Aber in einer Stunde ist es vorbei. Ob du dabei bist oder nicht – die Auktion läuft. Das hier ist der letzte Akt.“
Arno ignorierte ihn, seine Gedanken schweiften zurück ins Krankenhaus. Der sterile Geruch. Das monotone Piepen der Maschinen. Der Moment, als sie abgeschaltet wurden. Das Chaos. Die Schwestern, die Ärzte, die verzweifelten Anrufe. Und mittendrin die Erkenntnis: Ihre Sachen waren weg. Ihr Mantel, ihre Handtasche, ihre alte Architektenmappe.
*Diese Mappe.*
Es war das erste Geschenk, das er ihr gemacht hatte. Er war ein junger Zeichner, sie die Stararchitektin im Konkurrenzbüro. Aus abgewetztem Leder, sie hatte sie fünfzig Jahre lang getragen, lange nachdem sie sich die teuersten Taschen der Welt hätte leisten können. Sie *war* diese Mappe.
Sie war aus dem Krankenzimmer verschwunden. Gestohlen, hatte er angenommen. Ein weiterer kleiner, grausamer Diebstahl eines Universums, das ihm gerade seine ganze Welt geraubt hatte. Er wusste nicht, was darin war. Nur, dass es das Letzte war, was sie berührt hatte.
„Vater. Die Papiere.“
Arno blickte hinab. Eine Unterschrift fehlte noch. Er setzte den Füller an, der letzte Akt seiner Selbstauslöschung. Gerade als er unterschreiben wollte, summte das Intercom auf seinem Schreibtisch – eines der wenigen Dinge, die noch da waren.
Matthias riss es an sich. „Was? Ich sagte, keine Störungen.“
Die Stimme seiner langjährigen Assistentin, Helga, knackte durch die Gegensprechanlage, unsicher. „Es tut mir leid, Herr Bergmann… beide Herren Bergmann. Da ist… ein Kind hier. Ein kleines Mädchen. Sie sagt, sie hat etwas für Sie, Herr Bergmann senior. Sie sagt… es gehörte Frau Bergmann.“
Matthias lachte spöttisch. „Eine Betrügerin. Am letzten Tag kreisen die Haie. Schaff sie weg. Ruf die Sicherheit.“
Arn**Kapitel 5: Das Vermächtnis**
Sechs Monate später stand Arno Bergmann auf der Baustelle des *Lotte-Bergmann-Kinderzentrums* in Hamburg und hielt ihre Ledermappe fest in der Hand, während die Sonne durch das Stahlgerüst des neuen Gebäudes fiel und Maria lächelnd ihre Hand in seine schob – und endlich spürte er, dass Lotte niemals wirklich gegangen war.



