Vor Jahren entließ er seine Haushälterin – bis ein Lächeln am Flughafen sein Herz brach.6 min czytania.

Dzielić

Das Echo rollender Koffer und hohler, automatisierter Flugansagen war das einzige Geräusch, das Tobias von Althoff jemals wirklich gehört hatte. Es war die Hintergrundmusik seines Lebens, ein Rhythmus ständiger, unerbittlicher Bewegung.

Der Flughafen Frankfurt war ein Durcheinander von grauem Schneematsch und gestressten Gesichtern, eine ganze Stadt zusammengepresst in eine Betonbox. Menschen in dicken Jacken stritten mit Flugbegleitern. Kinder zogen Stofftiere durch schmutzige Pfützen. Ein Geschäftsmann fluchte in schnellem Türkisch in sein Telefon, nah an der Sicherheitskontrolle.

Tobias, zweiundvierzig, ging durch all das hindurch, als wäre er die einzige Person dort.

Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge mit langen, zielstrebigen Schritten, eine große Gestalt in einem anthrazitfarbenen Wollmantel, der wohl mehr kostete als die Miete der meisten Leute. Er bewegte sich wie jemand, der es gewohnt war, dass andere ihm aus dem Weg gingen – und sie taten es. Köpfe drehten sich, Blicke glitten über die teure Uhr an seinem Handgelenk, die Ledermappe in seiner Hand, die selbstverständliche Autorität in seiner Haltung.

Er bemerkte es nicht.

Er bemerkte nie wirklich jemanden.

Er war ein Mann, der aus kühler Effizienz gemeißelt war, der visionäre Gründer von Althoff Capital, ein Selfmade-Millionär, der je nach Wochentag zum Milliardär wurde. Sein Leben bestand aus Zahlen und Deals, Tabellen und Verträgen, Jets und Aufsichtsräten.

Er hatte keine Zeit für Verzögerungen.

“Herr von Althoff, das Londoner Team ist bereits im Videocall, sie fragen, ob Sie bereits an Bord sind,” keuchte sein Assistent, ein junger, nervöser Mann namens Niklas, irgendwo hinter ihm.

Niklas jonglierte mit drei Telefonen, einem Stapel Aktenordner und einem großen Latte, der bei jedem hastigen Schritt bedrohlich schwappte. Seine Krawatte saß schief. Seine Haare standen auf einer Seite ab. Er sah aus, als hätte er im selben Hemd geschlafen, das er trug.

Tobias verlangsamte nicht.

“Sag London, sie sollen warten,” erwiderte er, ohne seinen Schritt zu verlangsamen.

Seine Stimme war so scharf wie die Dezemberluft, die jedes Mal hereinkroch, wenn sich die Schiebetüren öffneten. Er war auf eine Sache konzentriert: die Übernahme.

Dieser London-Deal würde sein profitabelstes Jahr krönen – eine Übernahme im Wert von 1,2 Milliarden Euro, die sein Vermächtnis zementieren, seine Kritiker zum Schweigen bringen und seine Dominanz für das nächste Jahrzehnt sichern würde. Sein Vorstand nannte es “bahnbrechend”. Die Finanzpresse nannte es “aggressiv”.

Tobias nannte es “Dienstag”.

Sein Blick war auf den eleganten, mattverglasten Eingang zum VIP-Terminal gerichtet. Hinter diesen Türen gab es Ledersessel, ruhige Lounges und eine private Sicherheitskontrollschleuse, in der niemand auf die Idee käme, ihn zu bitten, seine Schuhe auszuziehen.

Er verabscheute das Chaos der öffentlichen Terminals. Sie waren ein Meer der Mittelmäßigkeit. Von Verspätungen und weinenden Kindern und Menschen, die sich zu langsam bewegten, die mitten auf den Wegen standen, ohne jedes Gefühl für Dringlichkeit. Menschen, die Zeit hatten, durch Duty-Free-Shops zu schlendern, als wäre dies ein Tag im Einkaufszentrum und nicht eine Zwischenstation zwischen da, wo sie waren, und da, wo sie hinmussten.

Er richtete den Riemen seiner Aktentasche auf seiner Schulter und musterte eine Familie, die die Hauptpassage blockierte. Ein Kinderwagen, drei übervolle Koffer und ein Vater, der aussah, als hätte er das Leben aufgegeben.

Tobias drehte sich leicht, um an ihnen vorbeizukommen. Er atmete ein, bereit, sich ohne Entschuldigung durchzudrängen.

Und dann hörte er es.

Es war eine kleine Stimme, dünn und hoch, die sich durch den Lärm des Flughafens schnitt wie ein Skalpell.

“Mama, ich hab Hunger.”

Er hätte es nicht hören sollen.

Er hätte sich nicht darum kümmern sollen.

Tobias, aus Gründen, die er nie würde erklären können, drehte sich um.

Er drehte sich nie um.

Seine Schritte wurden langsamer, dann blieb er ganz stehen. Die Leute hinter ihm flossen um seine plötzliche Regungslosigkeit herum, murmelnd. Niklas wäre fast direkt in seinen Rücken gelaufen.

Und dann sah er sie.

In der Nähe einer der verkratzten, unbequem aussehenden Plastikbänke an der Wand saß eine junge Frau. Sie war in sich zusammengesunken, die Schultern hochgezogen, die Hände zweier kleiner Kinder umklammernd – Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen, vielleicht fünf, vielleicht sechs.

Sein erster Gedanke war eine unpersönliche, automatische Einschätzung.

Armut.

Die Haare der Frau waren zu einem unordentlichen, losen Knoten zusammengebunden, Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Ihr Mantel war ein dünner, ausgeblichener Marineblauer, die Art, die man in einem Secondhandladen oder im Discounter kaufte, völlig ungeeignet für den deutschen Winter. Er hing ihr herunter, als hätte er zuerst jemand anderem gehört.

Die Gesichter der Kinder waren blass, ihre Wangen vom Wind und von Erschöpfung gerötet. Ihre kleinen Jacken waren genauso dünn wie die ihrer Mutter. Der Reißverschluss des Mädchens war kaputt; jemand hatte ihn mit einer Sicherheitsnadel geschlossen. Die Schuhe des Jungen waren an den Zehen nass.

Sie teilten sich eine kleine, zerknitterte Tüte Chips. Eines nahm ein Stück, vorsichtig, fast zeremoniell, und gab sie weiter. Keins nahm mehr als das andere.

Sein zweiter Gedanke war kein Gedanke, sondern ein Schock.

Ein physischer Schlag.

Wie ein elektrischer Strom, der direkt in seine Brust fuhr.

Er kannte dieses Gesicht.

Nicht auf die lässige Art, wie er Leute von Wohltätigkeitsgalas oder Aktionärsversammlungen “kannte”. Nicht so, wie er Banker, Anwälte, Konkurrenten erkannte.

Er hatte dieses Gesicht in den Fenstern seines Penthauses gesehen, während sie die Scheiben putzte.

Er hatte es in dem glänzenden Marmorboden seiner Küche gesehen, als sie auf den Knien schrubbte.

Er hatte es einmal zu ihm aufblicken sehen, die Augen weit, in der Nacht, in der alles schiefging.

Er hatte es seit sechs Jahren nicht mehr gesehen.

Sein Herz machte einen seltsamen, stolpernden Schlag. Sein Mund wurde trocken.

Seine Füße blieben stehen. Der Lärm des Flughafens wurde leise um ihn herum, als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht.

Niklas, der versucht hatte, gleichzeitig zu scrollen, zu tippen und zu gehen, wäre fast mit ihm zusammengestoßen.

“Herr von Althoff? Sir, geht es Ihnen gut?” Niklas’ Stimme war hoch und atemlos.

Tobias antwortete nicht.

Er hörte ihn nicht einmal.

Die Welt hatte sich um ein paar Grad geneigt, gerade genug, dass sich nichts mehr waagerecht anfühlte. Die Geräusche des Flughafens – die rollenden Koffer, die Boarding-Durchsagen, das Piepen der Elektroautos, das beharrliche Summen seines Telefons – verebbten zu einem dumpfen, fernen Grollen.

“Lena?” sagte er.

Der Name war kaum ein Laut. Es war mehr Atem als Stimme. Ein Geist, der zwischen seinen Zähnen hindurchglitt.

Der Kopf der Frau schnellte hoch, als hätte jemand an einem unsichtbaren Faden gezogen.

Ihre Augen – weit, haselnussbraun, sanft und wild zugleich – hefteten sich auf seine. Diese Augen. Gott, er erinnerte sich an diese Augen.

Für einen Moment, vielleicht zwei, flackerte Unglaube über ihr Gesicht.

Dann, genauso schnell, verschUnd als Lena endlich zögernd zuließ, dass er sie und die Kinder in die Arme nahm, begriff Tobias von Althoff, dass dies der einzige Moment war, der jemals zählte.

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