Ein markerschütternder Schrei von Gustav hallte durch die Empfangshalle wie ein Schuss.
„Öffnen Sie sofort diesen Drehkreuz!“
Das Geplauder der Angestellten, das Klingeln der Telefone, sogar das gleichmäßige Summen der Klimaanlage… alles verstummte auf einen Schlag. Übrig blieb nur das kalte, erbarmungslose „Piep, Piep“ einer abgelehnten Karte.
Gustav Albrecht, der Haupterbe des Textilimperiums, das seinen Namen in goldenen Buchstaben prangte, hämmerte seine Faust gegen die Verglasung des Eingangs. Sein Gesicht war rot vor Wut, eine Ader an seinem Hals pochte, und eiskalter Schweiß perlte an seiner Schläfe. Er stieß die Räder seines Rollstuhls wütend vor, Metall schlug gegen die Stahlbarriere, als könnte seine Wut allein sie verbiegen.
„Sind Sie taub, Meier?“ brüllte er mit einer Stimme, die rau klang, als wäre Schreien ihr fremd. „Ich besitze diese Firma! Machen Sie auf!“
Hinter dem Tor stand Meier, der Sicherheitschef – ein breitschultriger Mann, der Gustav in genau diesen Fluren hatte aufwachsen sehen – mit verschränkten Armen und wie erstarrt. Sein Blick schweifte umher, als suche er einen Ausweg, der nicht existierte.
„Ich kann nicht, Herr Doktor…“, murmelte er und schaffte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Ihr Ausweis… ist im System gesperrt.“
Das Wort „gesperrt“ traf ihn wie ein Nadelstich. Gustav stieß ein gequältes, ungläubiges Lachen aus, das ihm im Halse stecken blieb.
—Gespert? Ich?
Er versuchte, sich gewaltsam einen Weg zu bahnen. Er rollte zurück, stieß sich dann wieder vor. Die Fußrasten trafen das Bein des Wachmanns. Meier stöhnte und trat beiseite, doch bevor sich die Sperre rühren konnte, traten zwei junge Sicherheitsleute vor und bildeten eine dunkle Mauer.
„Es ist eine Anweisung von oben, Herr Doktor…“, fügte Meier hinzu und versteifte seinen Ton, um sein Unbehagen zu verbergen. „Eine Anordnung von Dr. Roger. Er sagte, Sie seien entlassen worden. Dass… dass Sie nicht mehr zurechnungsfähig seien.“
„Nicht mehr zurechnungsfähig.“ Das Wort lag schwer und erdrückend in der Luft. Die Angestellten regten sich nicht. Einige hoben ihre Telefone unmerklich auf Brusthöhe. Sie filmten. Die Demütigung wurde zur Live-Übertragung.
„Finden Sie das auch?“ Gustavs Hände zitterten, als er die Räder packte. „Dass ich verrückt bin?“
Eine glatte, gewählte, giftige Stimme schwebte von oben herab.
—Was für eine erbärmliche Vorstellung, nicht wahr, Vetter?
Gustav hob den Blick zur gläsernen Galerie. Dort stand Roger Albrecht: Marineblauer italienischer Anzug, goldene Uhr, schiefes Lächeln. Er sah aus wie ein Kaiser, der den Untergang eines anderen aus seiner Loge betrachtete.
„Kommen Sie herunter und sagen Sie es mir ins Gesicht!“ schrie Gustav. „Die Abstimmung über den Verkauf ist heute!“
Roger stellte seine Uhr gelassen, als verdiene die Welt keine Eile von ihm.
—Die Abstimmung ist für den Vorstand, Gustav. Nicht für ehemalige, nichtige Mitarbeiter.
Er kostete das Wort „nichtig“ mit grausamer Freude aus. Gustav spürte, wie ihm die Hitze vor die Augen stieg.
—Ich werde abstimmen. Die Firma gehört mir.
„Ach, wirklich?“ Roger zog eine Augenbraue hoch. „Dann gehen Sie doch nach oben. Die Sitzung ist im dritten Stock. Aber was für ein Pech… wir hatten einen Spannungsspitze. Die Aufzüge sind ausgefallen.“
Gustav warf einen Blick auf die Anzeige der Aufzüge: dunkel. Eine Lüge. Eine schmutzige, offensichtliche Falle. Und jeder wusste es. Dennoch sagte niemand ein Wort.
„Wenn Sie so entschlossen sind abzustimmen…“ Roger breitete theatralisch die Arme aus. „Nehmen Sie die Treppe. Es sind nur drei Stockwerke. Beweisen Sie allen, dass Sie geeignet sind, diese Firma zu leiten… oder bleiben Sie da unten und weinen Sie.“
Und er ging mit einem kurzen Lachen davon und hinterließ eine Stille, dick von fremdgeschämtem Schweigen.
Gustav zögerte nicht. Er wog die körperliche Unmöglichkeit nicht ab. Er wusste nur, dass er steigen musste. Er musste nach oben gelangen. Er musste etwas zurückerobern – wenn es auch nur der letzte Rest seiner Würde war.
Er verriegelte die Räder und warf sich nach vorne.
Sein Körper traf den Granitboden wie ein Sack. Der Aufprall entrang ihm ein Stöhnen. Sein Ellbogen schlug gegen den kalten Stein. Um ihn herum standen dreihundert Menschen… und nicht eine Hand streckte sich ihm entgegen. Niemand kniete sich hin. Keine Stimme sagte: „Ich helfe Ihnen.“ Nur das Leuchten von Bildschirmen, die seinen Sturz einfingen.
Gustav schleppte sich weiter. Seine schweren, leblosen Beine zogen hinter ihm her. Ein erwachsener Mann, der sich bewegte wie ein Kind, das krabbeln lernt, aber mit dem gebrochenen Gesicht eines Menschen, der alles verloren hat. Er hielt vor der weißen Marmortreppe an. Sie ragte auf wie ein Berg.
Er versuchte, sich auf die erste Stufe zu ziehen, die Arme zitterten. Er schaffte es nicht. Seine Stirn schlug gegen den Marmor. Und dort, auf den Knien, begann er zu schluchzen. Nicht vor körperlichem Schmerz. Sondern vor der Art von Schmerz, die einen aushöhlt: die Qual, sich vor allen kleiner als nichts zu fühlen.
Plötzlich kippte ein Eimer Wasser um, spülte Desinfektionsmittel über die polierten Schuhe eines Vorstands.
—He, passen Sie doch auf!
Aber Talia reagierte nicht. Oder vielleicht hörte sie es und entschied sich, es zu ignorieren.
Sie war fünfundzwanzig, trug einen etwas zu großen grauen Reinigungskittel, gelbe Handschuhe und ein Tuch, das ihre Locken zurückband. Sie stand ein paar Stufen entfernt, umklammerte den Moppstiel, bis ihre Knöchel weiß wurden. Sie hatte alles gesehen: die Grausamkeit von oben, die Feigheit der Wächter, die Leute, die filmten, als wäre es Unterhaltung… und nun einen gebrochenen Mann am Boden.
Eine Erinnerung traf Talia wie ein Schlag: ihr Vater im Rollstuhl, in Krankenhausfluren zurückgelassen, gedemütigt von endlosen Warteschlangen. Die Flamme der Ungerechtigkeit, der menschlichen Empörung, schoss ihr in die Brust.
„Feiglinge…“, zischte sie durch zusammengebissene Zähne.
Sie ließ den Mopp fallen und ging auf die Mitte der Empfangshalle zu. Ihre Gummistiefel dumpften auf dem Boden, schwer und deplatziert unter den scharfen Klicks von Stöckelschuhen. Sie streifte einen jungen Mann, der filmte; er ließ fast sein Telefon fallen.
Ohne zu fragen, kniete sie sich neben Gustav.
„Herr Doktor“, sagte sie mit dringlicher Stimme.
Gustav hob den Kopf nicht.
„Gehen Sie weg…“, murmelte er. „Lassen Sie mich allein. Schauen Sie mich nicht an.“
Er erwartete Mitleid. Und Mitleid war unerträglich. Aber Talia bot kein Mitleid an. Sie bot Tatkraft.
„Sie bleiben hier nicht liegen und küssen den Boden, während Ihr Vetter Sie auslacht“, sagte sie wie eine Mutter, die ihren Sohn ermahnt, der sich weigert aufzustehen.
Gustav hob die Augen. Er sah ein ungeschminktes Gesicht, keine Spur von Make-up, dunkle Ringe unter den Augen von jemandem, der um vier Uhr aufsteht, um zwei Busse zu nehmen. Und er sah Augen – schwarz, tief, brennend.
„Wer sindSie weinte, nicht aus Trauer, sondern aus Erleichterung, während sie ihren Sohn in den Armen hielt und wusste, dass die Schlacht endgültig gewonnen war.



