Meine Nachbarin beharrte darauf, meine Tochter während der Schulzeit zu Hause gesehen zu haben… also tat ich so, als ginge ich zur Arbeit und versteckte mich unter dem Bett. Minuten später hörte ich mehrere Schritte, die den Flur entlangliefen.
Mein Name ist Greta Hoffmann, und ich dachte immer, ich wüsste alles über meine dreizehnjährige Tochter Annika. Nach meiner Scheidung vor zwei Jahren waren nur noch wir beide in unserem kleinen Haus in einer ruhigen Vorstadt von Frankfurt. Sie war verantwortungsbewusst, intelligent, höflich; sie hat nie Ärger gemacht. Zumindest dachte ich das.
An einem Donnerstagmorgen, als ich mit meiner Arbeitstasche ging, winkte mir meine ältere Nachbarin, Frau Weber, zu.
—Greta—, sagte sie sanft,—schwänzt Annika schon wieder die Schule?
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. —Schwänzen? Nein… sie geht jeden Tag.
Frau Weber runzelte die Stirn. —Aber ich sehe sie doch immer wieder tagsüber nach Hause kommen. Manchmal mit anderen Kindern.
Mir sank das Herz in die Hose. —Das kann nicht sein—, beharrte ich und zwang mich zu einem Lächeln. —Sie muss sich irren.
Aber auf dem Weg zur Arbeit ließ mich das ungute Gefühl in meiner Brust nicht los. Annika war in letzter Zeit stiller. Sie aß weniger. Sie war ständig müde. Ich hatte es auf den Stress in der höheren Schule geschoben… aber was, wenn es etwas Ernsteres war?
An jenem Abend beim Abendessen schien sie normal: höflich, ruhig, versicherte mir, dass in der Schule alles „in Ordnung“ sei. Als ich wiederholte, was Frau Weber gesagt hatte, erstarrte Annika für einen Sekundenbruchteil, dann wischte sie es mit einem Lachen weg.
—Die hat wohl jemand anderen gesehen, Mutti. Ich bin in der Schule, versprochen.
Aber ich spürte, dass etwas in ihr zitterte.
Ich versuchte zu schlafen, aber meine Gedanken rasten. Was, wenn sie die Schule schwänzte? Was, wenn sie etwas verbarg? Etwas Gefährliches?
Um 2 Uhr nachts wusste ich, was ich tun musste.
Am nächsten Morgen tat ich so, als sei alles normal. —Hab einen schönen Tag in der Schule—, sagte ich, als ich um halb acht zur Tür hinausging.
—Dir auch, Mutti—, sagte sie leise.
Fünfzehn Minuten später stieg ich in meinen Wagen, fuhr die Straße hinunter, parkte hinter einer Hecke und schlich mich nach Hause. Mein Herz hämmerte mit jedem Schritt. Ich schlüpfte hinein, schloss die Tür ab und ging direkt in Annikas Zimmer.
Ihr Zimmer war blitzsauber. Das Bett war perfekt gemacht. Der Schreibtisch aufgeräumt.
Wenn sie heimlich nach Hause kam, würde sie nicht mit mir rechnen.
Also ließ ich mich auf den Teppich fallen und kroch unter das Bett.
Es war eng, staubig und zu dunkel, um etwas außer der Unterseite der Matratze zu sehen. Mein Atem klang schwer in dem engen Raum. Ich stellte mein Telefon stumm und wartete.
9:00 Uhr. Nichts. 9:20 Uhr. Immer noch nichts. Meine Beine waren eingeschlafen. Hätte ich mir alles nur eingebildet?
Dann…
KLICK. Die Haustür ging auf.
Mein ganzer Körper erstarrte.
Schritte. Nicht ein Paar, sondern mehrere. Leichte, eilige, verstohlene Schritte, wie von Kindern, die nicht gehört werden wollen.
Ich hielt den Atem an.
Und dann hörte ich es:
—Pssst, seid leise—, flüsterte eine Stimme.
Annikas Stimme.
Sie war zu Hause.
Sie war nicht allein.
Und was auch immer unten geschah… ich würde gleich die Wahrheit erfahren…
Das Knarren der Dielen auf der Treppe war das Einzige, was die Stille nach Annikas Flüstern durchbrach. Ein, zwei, drei Paar Füße. Vielleicht vier. Das Gewicht jedes Schrittes hallte auf den Bodenbrettern wider wie ein Hammerschlag auf meine Nerven. Ich presste die Augen zu, versuchte mit dem Boden zu verschmelzen und betete, dass der angesammelte Staub unter dem Bettgestell mich nicht niesen ließ und mich verriet.
—Bist du sicher, dass sie nicht zurückkommt?—, fragte eine männliche Stimme. Sie klang jung, mitten in der Pubertät, mit diesem brüchigen Ton, der zwischen tief und hoch schwankte.
—Ich habe es dir doch gesagt, Leon—, sagte Annikas Stimme. Sie war anders als die, die ich kannte. Da war keine Süße, keine fürs Teenageralter typische Unsicherheit. Sie war kalt, scharf, autoritär. —Mutti geht wie ein Uhrwerk. Sie fängt um acht an, macht um zwölf Pause und kommt vor halb sechs nicht durch diese Tür. Hör auf zu jammern.
Eine plötzliche Übelkeit überkam mich. War das meine Tochter? Das kleine Mädchen, das mich in der Nacht zuvor gebeten hatte, ihr heiße Schokolade zu machen, weil ihr kalt war?
Die Schritte erreichten den Flur und, zu meinem Entsetzen, bog sie direkt auf ihr Zimmer zu. Genau dorthin, wo ich war.
Ich sah die ersten Schuhe in mein Blickfeld treten, das durch den Bettrahmen begrenzt war. Schwarze Turnschuhe, abgetragen und mit angetrockneter Erde verkrustet. Dann, kampfstiefelähnliche Stiefel, viel zu groß für den, der sie trug. Und schließlich Annikas makellose weiße Turnschuhe. Die ich ihr selbst vor zwei Wochen für ihre guten Noten gekauft hatte.
—Mach die Tür zu—, befahl Annika.
Das Klicken des Schlosses hallte wie ein Schuss nach. Jetzt war ich gefangen. Wenn sie unter das Bett schauten, gab es kein Entkommen. Kein Fenster war offen, keine Ausrede möglich.
—Hol es raus. Ich will es sehen—, sagte Annika. Sie setzte sich auf die Bettkante, direkt über meinem Kopf. Die Matratze senkte sich leicht und drückte auf meine Schulter. Ich konnte ihr Parfüm riechen, eine Mischung aus Vanille und Erdbeere, der gleiche unschuldige Duft wie immer, aber jetzt vermischt mit dem beißenden Gestank der Angst, der meinen eigenen Poren entströmte.
Ich hörte das Geräusch eines schweren Reißverschlusses, wie von einem Sportrucksack, der aufgerissen wurde. Dann das Geräusch von etwas Metallischem, das auf den Holzfußboden schlug. Und Papier. Viel Papier.
—Alles ist hier—, sagte der Junge mit den Stiefeln. —Das Haus der Schmidts, Frau Webers Haus und das vom Neuen da an der Ecke.
—Frau Weber?— Annikas Stimme triefte vor Verachtung. —Diese neugierige Alte hat Priorität. Letztens hätte sie mich fast erwischt. Sie wird zum Problem.
Mein Herz setzte für einen Moment aus. Frau Weber? Was taten sie ihr an?
—Was machen wir mit ihr, Annika?—, fragte eine dritte Stimme, diesmal weiblich und zitternd. —Ich will nicht… du weißt schon, ich will nicht, dass jemand wirklich verletzt wird. Wir sagten doch, es geht nur rein und raus.
—Halt den Mund, Sarah—, fauchte Annika. Die Matratze knarrte, als sie sich vorbeugte. —Niemand wird verletzt, wenn sie tun, was sie sollen. Aber die alte Weber hat überall ihre Augen. Wir müssen ihr Angst machen. Oder zumindest sicherstellen, dass sie nicht mehr aus dem Fenster guckt.
Aus meinem Versteck sah ich eine Hand etwas auf den Boden fallen lassen, nah an Annikas Hausschuhen. Es war ein Brecheisen. Ein eisernes Brecheisen, an der Spitze verrostet. Daneben fielen mehrere Bündel Scheine, die mit Gummibändern zusammengehalten wurden, und was wie Schmuck aussah: eine goldene Uhr, mehrere Perlenketten, Ringe mit Steinen, die selbst im schwachen Licht unter dem Bett glitzerten.
Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu ersticken. Sie schwänzten nicht die Schule, um Zigaretten zu rauchen oder gestohlenes BWir warteten, bis die Dunkelheit uns völlig verschluckt hatte, und wussten, dass der Fluss uns nicht weg-, sondern nur tiefer hineintragen würde in das Labyrinth aus Schatten, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.



