Weißt du, es war eine eiskalte Januarnacht in Berlin, so kalt, dass der Atem sofort zu Eis zu gefrieren schien. Klara Bauer kniete auf dem Boden und schrubbte das Bad im zwölften Stock eines Bürogebäudes, als ihr Handy in der Tasche vibrierte. Sie warf einen Blick auf die Uhr: fünf Uhr morgens. Zu dieser Zeit rief niemand an, es sei denn, etwas Schlimmes war passiert. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie die Nummer der Kita auf dem Display sah. Die Stimme der Erzieherin klang sachlich und distanziert, als läse sie einen vorgefertigten Text. Leonie, ihre Tochter, hatte seit Mitternacht hohes Fieber. Das Baby hustete ununterbrochen. Die Kita konnte ein krankes Kind nicht behalten. Klara musste sie sofort abholen. Noch bevor Klara ein Wort sagen konnte, war die Leitung tot. Sie sprang auf, ihr schwindelte. Leonie, ihre winzige, acht Monate alte Tochter, war die Einzige, die ihr noch geblieben war.
Ohne jemandem Bescheid zu sagen, rannte Klara aus dem Gebäude und stürzte sich in die eisige Dunkelheit. Es begann zu schneien, weiße Flocken peitschten wie kleine Nadeln gegen ihr Gesicht. Sie rannte drei Straßenblocks, weil sie kein Geld für ein Taxi hatte. Als sie die Kita erreichte, waren ihre Lippen blau und ihre Beine taub. Leonie lag in den Armen der Erzieherin, das Gesicht fiebergerötet. Ihr schwaches Weinen klang wie das eines verlassenen Kätzchens. Klara drückte ihre Tochter an sich und spürte die Hitze, die durch die dünnen Kleidungsschichten drang. Ihr Kind brannte vor Fieber. Sie trug Leonie zurück in die heruntergekommene Mietwohnung in einem Berliner Problemviertel. Der Raum war kaum zehn Quadratmeter groß, die Wände mit Schimmel fleckig, das Fenster notdürftig mit Klebeband abgedichtet, seit die Scheibe vor langer Zeit zersprungen war. Die Heizung war seit zwei Wochen kaputt.
Klara legte Leonie ins Bett, wickelte sie in Decken und öffnete den Medizinschrank. Er war leer. Die letzte Fiebermedizin hatte sie in der Vorwoche aufgebraucht und seitdem kein Geld für Nachschub gehabt. Tränen rannen ihr über die Wangen, als sie sah, wie sich ihre Tochter vor Schmerzen wand. Das Handy vibrierte erneut. Diesmal war es die Reinigungsfirma. Klara nahm ab, und die scharfe, wütende Stimme ihres Chefs drang heraus. Wo sie denn bleibe? Warum habe sie ihre Schicht einfach verlassen? Klara versuchte, ihm von Leonie, dem Fieber und ihrem freien Tag zu erzählen. Der Chef unterbrach sie. Heute sei ein besonderer Job, ein VIP-Kunde, eine Villa in Berlin-Grunewald. Wenn sie nicht auftauche, sei sie gefeuert. Keine Ausnahmen.
Klara wollte schreien. Sie wollte das Handy gegen die Wand werfen, aber sie konnte es nicht, denn wenn sie ihren Job verlor, hätte sie kein Geld für die Miete, keine Milch für Leonie, keine Medizin. Sie und ihre Tochter würden in diesem brutalen Winter auf der Straße landen. Und dann würde auch noch Derek, ihr gewalttätiger Ex-Mann, der sie über die ganze Stadt jagte, sie leichter finden als je zuvor. Klara sah Leonie an, die vor Erschöpfung immer wieder wegdöste. Sie hatte niemanden, der auf ihr Kind aufpassen konnte. Also traf sie die einzige Entscheidung, die ihr blieb. Sie zog Leonie mehrere Lagen Kleidung an, wickelte sie in drei Decken und legte sie in den wackeligen Kinderwagen, den sie für fünf Euro im Secondhandladen gekauft hatte. Sie stopfte eine Flasche, Windeln und die Fiebermedizin, die sie von einer Nachbarin geliehen hatte, in ihre Tasche. Dann schob sie den Kinderwagen aus dem dunklen Raum hinaus in den weißen Sturm.
Die Adresse in der Nachricht führte sie nach Grunewald. Klara war noch nie dort gewesen. Sie fühlte sich wie ein Fleck auf einem perfekten Gemälde. Als sie vor der angegebenen Adresse stehen blieb, stockte ihr der Atem. Vor ihr erhob sich eine gewaltige, nachtschwarze Villa mit hohen Eisentoren, in die brüllende Löwenköpfe eingearbeitet waren. Klara stand lange Zeit da, ohne sich hineinzutrauen. Leonie quengelte im Kinderwagen, ihr schwaches Weinen wurde vom Wind und Schnee verschluckt. Klara holte tief Luft und schob das schwere Tor auf. Es öffnete sich lautlos, als wäre es perfekt geölt. Ein Weg aus schwarzem Stein führte sie durch einen kargen Garten. Steinernen Statuen standen verstreut auf beiden Seiten. Klara fröstelte und zog die Decke fester über Leonies Gesicht. Die massive Eichentür der Villa gab unter leichtem Druck nach, als hätte das Haus nur auf sie gewartet.
Drinnen war die Eingangshalle so weit wie eine Kathedrale. Der schwarze Marmorboden spiegelte wie ein perfekter See ihre kleine, verloren wirkende Gestalt. Klara fühlte sich wie eine Ameise, die in den Palast von Dämonen geraten war. Irgendetwas an diesem Haus jagte ihr eine Urangst ein. Die Luft war schwer und kalt und trug einen Hauch von Einsamkeit und Schmerz in sich. Ein dünner Staubfilm lag über allem. Leonie begann einen langen Hustenanfall. Klara musste sofort Wärme finden. Sie öffnete die erste Tür im Erdgeschoss – ein Wohnzimmer, aber die Heizung war kaputt. Sie hastete in den nächsten Raum – ein Speisezimmer. Auch diese Heizung war defekt. Panik stieg in ihr auf. Sie nahm Leonie in den Arm und rannte die Treppe hinauf. Das Gästezimmer, die Bibliothek, das Spielzimmer – alle Heizungen kaputt. Leonie begann, lauter zu weinen. Dann, ganz am Ende des Flurs im dritten Stock, fand sie ein Arbeitszimmer, aus dessen Heizung warme Luft strömte.
Klara hätte vor Erleichterung weinen können. Sie setzte Leonie nah an die Heizung, zog ihr ein paar Lagen aus und gab ihr die Medizin. Langsam beruhigte sich Leonie, ihre schweren Lider fielen zu. Klara steckte das Babyphone in die Tasche und beschloss, mit der Arbeit zu beginnen, während Leonie schlief. Sie wusste nicht, dass, als sie gerade die Treppe im ersten Stock schrubbte, ein eleganter schwarzer Wagen vorfuhr und der Besitzer der Villa sein Heim betrat. Klara kniete auf der zwölften Stufe, als sie das Weinen hörte – Leonies Weinen, aber es war ein Angstschrei. Klara ließ den Mopp fallen und raste die Treppe hinauf. Das Babyphone in ihrer Tasche blieb stumm; es war kaputt. Sie rannte den Flur entlang. Leonies Weinen brach ab. Die plötzliche Stille war unheimlich.
Sie stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf und erstarrte. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr in der Raummitte, groß, breitschultrig, in einem langen schwarzen Mantel. In seinen Armen lag Leonie, an die Brust eines Fremden geschmiegt. Klara sah eine glatte schwarze Pistole auf dem Holzschreibtisch. Der Mann wiegte sie sanft, ein leises Beruhigungsgeräusch kam über seine Lippen. Dann drehte er sich um. Sein Gesicht war scharf wie Granit, seine Augen hatten die Farbe eines Sturms. Und doch sah Klara tief in diesen Augen einen unermesslichen Schmerz.
“Wer sind Sie?” Seine Stimme war leise.
“Ich bin Klara. Klara Bauer. Die Reinigungskraft. Ich wusste nicht, dass Sie heute zurückkommen.”
Er musterte sie. “Dieses Kind, es gehört Ihnen.”
Klara nickte, ihre Arme streckten sich bittend aus.
“Sie hat geweint”, sagte der Mann. “Ich kam herein, hörte sie weinen, kam hoch und fand sie. Sie weinte ganz allein.”
“Es tut mir leid. Sie ist krank. Ich habe niEr hat sie sanft in die Arme geschlossen und flüsterte: “Alles wird gut, von jetzt an passe ich auf euch auf.”



