“Kann ich mich an diesen Tisch setzen?”, fragte die alleinerziehende Mutter. “Nur wenn ich die Rechnung übernehme”, sagte der Milliardär-Chef.
Der Sommerregen prasselte gegen die Fenster des Rosenholz Cafés, einer urigen Einrichtung im Herzen des Frankfurter Bankenviertels. Drinnen erleuchtete das warme Licht der Pendelleuchten einen Raum, in dem der Duft von frisch gemahlenem Kaffee sich mit dem Geruch von buttrigen Teilchen vermischte. Mitten im geschäftigen Mittagsbetrieb stand Greta Bergmann am Eingang, ihre fünfjährige Tochter Lotte klammert sich an ihre Hand.
Ihre Kleidung war leicht feucht vom Platzregen, und Lottes blonde Zöpfe hingen schwer vom Regenwasser herab. “Mama, ich habe Hunger”, flüsterte Lotte und zupfte am Ärmel ihrer Mutter.
Greta musterte das überfüllte Café. Jeder Tisch war besetzt, bis auf einen in der Ecke, an dem ein Mann in einem makellos sitzenden Anthrazitanzug allein saß, konzentriert auf seinen Laptop. Sein dunkles Haar war an den Schläfen leicht ergraut, und sein strenger Gesichtsausdruck ließ sie zögern.
“Nur einen Moment, Schatz”, sagte Greta und richtete die abgenutzte Tragetasche an ihrer Schulter zurecht, die ihre Lebensläufe und ihre Mappe enthielt.
Sie kam gerade von einem weiteren enttäuschenden Vorstellungsgespräch, ihrem dritten in dieser Woche. Mit der Miete, die in fünf Tagen fällig war, und kaum genug Geld auf ihrem Konto für den Wocheneinkauf, konnte sie sich keine Mahlzeit in einem solchen Café leisten. Aber Lotte brauchte etwas zu essen, und der Platzregen ließ nicht nach.
Tief durchatmend näherte sie sich dem Tisch. Der Mann sah nicht auf, als sie vor ihm stand, seine Finger flogen über die Tastatur.
“Entschuldigen Sie”, sagte Greta, ihre Stimme war kaum hörbar über dem Gemurmel im Café. Sie räusperte sich. “Kann ich mich an diesen Tisch setzen?”
Er blickte auf, seine durchdringenden blauen Augen trafen die ihren mit milder Überraschung. Sein Blick wanderte kurz zu Lotte, die sich teilweise hinter den Beinen ihrer Mutter versteckte, dann zurück zu Greta. Einen Moment lang schien er etwas zu berechnen.
“Nur wenn ich die Rechnung übernehme”, erwiderte er, seine tiefe Stimme trug einen Anflug von Autorität.
Gretas Wangen röteten sich. “Das ist nicht nötig. Wir können unsere Mahlzeit selbst bezahlen.”
“Ich bestehe darauf”, sagte er, klappte seinen Laptop zu und streckte die Hand aus. “Alexander von der Marwitz.”
Greta zögerte, bevor sie die Hand schüttelte. “Greta Bergmann. Und das ist Lotte.”
Alexander deutete auf die freien Stühle. “Bitte setzen Sie sich.”
Widerstrebend half Greta Lotte auf einen Stuhl und setzte sich ihm gegenüber. Sein Angebot anzunehmen fühlte sich wie eine Niederlage an, aber ihr Stolz würde ihre Tochter nicht satt machen.
Eine Kellnerin kam heran. Alexander bestellte Kaffee für sich und fragte, was sie haben möchten.
“Hähnchennuggets und Apfelsaft, bitte”, sagte Lotte.
“Ich nehme nur einen kleinen Salat”, fügte Greta hinzu und wählte bewusst eines der günstigeren Gerichte.
Alexander zog eine Augenbraue hoch. “Fügen Sie dem Fraulein noch ein Club Sandwich hinzu.”
“Ich habe kein Sandwich bestellt”, sagte Greta.
“Sie sehen aus, als könnten Sie mehr gebrauchen als nur einen Salat”, erwiderte Alexander sachlich. “Das Vorstellungsgespräch ist nicht gut gelaufen?”
Greta erstarrte. “Woher wissen Sie—”
“Die Mappentasche. Formelle Kleidung, die für jemanden mit Job schon zu abgetragen wirkt. Der Blick der Enttäuschung.” Er zuckte mit den Schultern. “Es ist mein Geschäft, Menschen zu lesen.”
“Und was genau ist dieses Geschäft?”
“Ich leite die von der Marwitz AG.”
Greta erkannte den Namen. Die von der Marwitz AG war eines der größten Immobilienentwicklungsunternehmen in Deutschland. Sie gehörten die Hälfte der Hochhäuser in der Frankfurter Innenstadt, inklusive des Gebäudes, in dem sie gerade ihr Vorstellungsgespräch hatte.
“Sie sind *der* von der Marwitz?”
“Der genauere.”
Lotte, die still zugehört hatte, sprach plötzlich. “Meine Mama ist die beste Grafikerin der ganzen Welt.”
Alexanders Ausdruck weichte leicht auf. “Ach, ist das so?”
“Sie macht schöne Bilder für Computer, aber niemand will sie einstellen, weil sie doof sind.”
“Lotte”, maßregelte Greta, obwohl sie lächelte.
“Nun, ich denke, die Leute, die deine Mama nicht eingestellt haben, haben vielleicht einen Fehler gemacht”, sagte Alexander und sah dann wieder Greta an. “Grafikdesign? Was ist Ihr Spezialgebiet?”
“Corporate Design und UI/UX Design. Ich habe fünf Jahre für Bauer und Schmidt gearbeitet, bevor sie im letzten Winter Stellen abgebaut haben.”
Anerkennung blitzte in seinen Augen auf. “Die haben beeindruckende Arbeit geleistet. Haben Sie Muster dabei?”
Ihr Essen traf ein, bevor sie antworten konnte. Lotte konzentrierte sich sofort auf ihre Hähnchennuggets. Greta griff in ihre Tasche und zog ihr Tablet heraus.
“Das sind einige meiner aktuellen Projekte.”
Alexander scrollte mit konzentriertem Blick durch ihre Mappe. Greta studierte ihn. Trotz seiner einschüchternden Ausstrahlung lag eine Müdigkeit um seine Augen, vielleicht Einsamkeit. Der Ehering, den sie früher bemerkt hatte, wirkte abgenutzt und etwas locker.
“Das ist ziemlich gut”, sagte er und blieb bei einer umfassenden Neugestaltung einer Marke für eine lokale Brauerei hängen. “Sehr gut. Warum hat Sie noch niemand geschnappt?”
“Der Markt ist wettbewerbsintensiv. Und ich habe Einschränkungen bei meiner Verfügbarkeit. Alleinerziehende Mutter.” Sie nickte in Lottes Richtung.
Alexander nickte. “Keine flexiblen Arbeitszeiten angeboten bekommen?”
“Die meisten wollen jemanden im Büro von 9 bis 18 Uhr. Nachmittagsbetreuung ist teuer, und Lottes Vater ist nicht im Bild.”
Ein Schatten glitt über sein Gesicht. Er warf einen Blick auf seine teure Uhr, dann aus dem Fenster auf den Regen, der nachzulassen begann.
“Die von der Marwitz AG startet eine neue Tochtergesellschaft für nachhaltige Wohnprojekte”, sagte er. “Wir brauchen ein eigenständiges Markenimage, losgelöst von unserer Konzernidentität. Unsere Marketingabteilung ist solide, aber dieses Projekt verlangt nach einer frischen Perspektive.”
Greta legte ihre Gabel ab. “Bieten Sie mir einen Job an, Herr von der Marwitz?”
“Ich biete Ihnen die Gelegenheit, sich um einen Auftrag zu bewerben. Wir hören uns nächste Woche Designagenturen an. Ich kann Sie auf die Liste setzen.”
Hoffnung stieg in ihr auf, gemildert durch Vorsicht. “Warum würden Sie das tun?”
Er sah Lotte an. “Sagen wir einfach, ich habe eine Schwäche für entschlossene Alleinerziehende.”
Er reichte ihr eine Visitenkarte. “Mittwoch, 14 Uhr. Fragen Sie an der Rezeption nach mir.”
Als sie sie nahm, berührten sich ihre Finger. Er winkte nach der Rechnung.
“Danken Sie mir noch nicht”, sagte er. “Sie werden gegen etablierte Firmen antreten. Das Spielfeld ist nicht eben.”
“Das ist es nie”, erwiderte Greta. “Aber das hat mich noch nie aufgehalten.”
Als er bezahlte, bemerkte Greta, wie er Lotte beobachtete, mit etwas zwischen Traurigkeit und Sehnsucht.
“Ich sollte gehen”, sagte er.
“Wir auch”, antwortete Greta.
Er zögerte, dann schrieb er etwas auf die Rückseite einer weiteren Karte. “Das ist meine private Nummer. Falls Sie Fragen haben.”
Als er sich zum Gehen wandte, rannte Lotte um den Tisch und umarmte seine Beine.
Als sie seine Hand zurückhielt und ihrem Blick erlaubte, all die unausgesprochenen Möglichkeiten zwischen ihnen anzuerkennen, wusste sie, dass dieser neue Anfang, obwohl er aus den Trümmern der Vergangenheit geformt war, dennoch echt war.



