Der silberne Maybach fühlte sich an wie ein fremder Satellit, der durch ein sterbendes Sternensystem trieb, als er sich in die labyrinthischen Eingeweide von Berlin-Neukölln schob. Friedrich von und zu Bergheim, ein Mann, dessen Anwesenheit normalerweise die Glas-und-Stahl-Büros im Bankenviertel beherrschte, spürte, wie ihm ein Schweißtropfen den Nacken hinabkroch. Die Luft hier war anders – dick vom Geruch gebrannter Mandeln, Abgasen und der schweren, feuchten Last von einer Million Leben, die in der Hitze zusammengepresst wurden.
Er überprüfte zum dritten Mal die zerknitterte Personalakte auf dem Ledersitz neben sich. Gisela Hoffmann. Wunderstraße, Nr. 42.
Der Name der Straße kam ihm wie ein grausamer Witz vor. Hier gab es keine Wunder, nur das unerbittliche, rhythmische Mahlen der Armut am Stein der Stadt. Er blickte auf seine eigenen Hände, manikürt und weich, wie sie das Lenkrad umklammerten. Fünfzehn Jahre lang hatten diese Hände Gisela ihr wöchentliches Kuvert überreicht. Fünfzehn Jahre lang war Gisela der Geist gewesen, der seine Missgeschicke ausbügelte, der stille Schatten, der dafür sorgte, dass seine Hemden nach Lavendel rochen und sein Espresso genau bei 74°C serviert wurde. Er kannte die genaue Art, wie sie den Kopf neigte, wenn sie das Silber polierte, aber er erkannte mit einem plötzlichen, übelkeit-erregenden Schamgefühl, dass er die Farbe ihrer Haustür nicht kannte.
Er fand sie schließlich: eine Planke aus verwittertem Holz, verstärkt mit verrosteten Eisenstangen, eingelassen in eine Fassade aus unverputztem Ziegelstein und verblasstem türkisfarbenem Putz. Eine einzelne, trotzige, blutrote Bougainvillea rankte sich die Seitenwand hinauf.
Friedrich killte den Motor. Die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend, nur unterbrochen vom fernen Schrei einer Trillerpfeife und dem rhythmischen Klatschen-Klatschen, mit dem jemand in der Nähe Pfannkuchen schlug. Er stieg aus der klimatisierten Zuflucht seines Wagens und die Hitze traf ihn wie ein physischer Schlag. Er fühlte sich entblößt. Sein italienischer Anzug war ein Neonzeichen, das Außenseiter schrie.
Er näherte sich der Tür. Seine Hand schwebte über dem Holz. *Warum bin ich hier?*, fragte er sich. Er hätte seine Assistentin, Claudia, schicken können. Er hätte einen privaten Krankenwagen schicken können, als sie vor drei Tagen im Rosengarten ohnmächtig geworden war. Aber der Blick in ihren Augen, als sie wieder zu sich kam – ein Blick von schierer, schroffer Angst, nicht um ihr eigenes Leben, sondern als hätte sie einen Herd in einem Haus aus Papier brennen lassen –, hatte ihn im Schlaf verfolgt.
Er klopfte.
Der Klang war hohl. Er wartete, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Nach einer langen Minute hörte er das Scharren von Füßen, das metallische Kratzen eines zurückgeschobenen Riegels.
Die Tür knarrte auf. Gisela stand dort. Sie trug nicht ihre knitterfreie anthrazitfarbene Uniform. Sie trug ein verblasstes Hauskleid, ihr ergrautes Haar zu einem ausgefransten Zopf zurückgebunden. Als sie ihn sah, wich das Blut so augenblicklich aus ihrem Gesicht, dass er dachte, sie würde wieder zusammenbrechen.
„Herr von und zu Bergheim?“ Ihre Stimme war ein Schatten ihrer selbst. „Ist… ist das Haus abgebrannt? Habe ich die Alarmanlage vergessen?“
„Nein, Gisela“, sagte Friedrich, dessen Stimme unheimlich laut in der engen Straße klang. „Ich kam, um… ich wollte sehen, ob es Ihnen gut geht. Sie sind nach der Ohnmacht so abrupt gegangen.“
Giselas Hände begannen zu zittern. Sie umklammerte die Kante der Tür, ihre Knöchel wurden knochenweiß. „Es geht mir gut, Herr. Nur die Hitze. Die Ärzte sagen, es ist nichts. Bitte, Sie sollten nicht hier sein. Diese Nachbarschaft… die ist nichts für einen Mann wie Sie.“
„Die Nachbarschaft ist mir egal“, trat Friedrich näher, die Stirn gerunzelt. „Sie arbeiten für meine Familie, seit mein Vater lebte. Sie zittern, Gisela. Lassen Sie mir Ihnen helfen.“
„Nein!“ Sie machte Anstalten, die Tür zuzumachen, mit einer plötzlichen, verzweifelten Kraft in ihren Armen. „Bitte, Herr. Gehen Sie zurück nach Grunewald. Ich werde morgen um sechs da sein. Ich verspreche es.“
Aber der Wind, oder vielleicht das Schicksal, fing einen Vorhang im Inneren. Aus den düsteren Schatten des kleinen, beengten Wohnzimmers drang ein Geräusch. Es war kein Husten oder ein Schrei. Es war ein tiefes, melodisches Summen – ein Wiegenlied, gesungen in einer Stimme, die klang, als riebe sich zersplittertes Glas aneinander.
Friedrich dachte nicht nach. Er drückte. Nicht mit Gewalt, sondern mit einer verzweifelten, brennenden Neugier, die jahrzehntelang in seiner Seele geschlummert hatte. Die Tür gab nach.
Das Innere des Hauses roch nach Eukalyptus und Bleiche. Es war makellos sauber, ein Spiegelbild der Disziplin, die Gisela in seine Villa brachte, aber das Ausmaß war erdrückend. In der Mitte des Raumes stand ein Hochlehnenstuhl, zum einzigen Fenster hin gedreht, durch das die goldene Neuköllner Sonne gegen den Schmutz ankämpfte.
Im Stuhl saß ein Mann.
Er mochte Ende sechzig sein, obwohl seine Haut so straff über seinen Schädel gespannt war, dass er uralt aussah. Seine Augen waren weit geöffnet, milchig vor Grauem Star, und starrten einen Punkt drei Zoll vor seiner Nase an. Seine Hände waren verkrüppelt und ruhten auf einer durchgesessenen Decke. Aber es war sein Gesicht, das Friedrich das Herz stehen ließ.
Die Kieferlinie. Das leichte Grübchen im Kinn. Die spezifische, gewölbte Form der Braue.
Friedrich spürte, wie sich der Boden neigte. Er streckte die Hand aus, um sich an einer kalten, feuchten Wand abzustützen. „Wer ist das?“, flüsterte er, obwohl er die Wahrheit bereits in den Zähnen vibrierte.
Gisela war verstummt. Sie stand an der Tür, den Kopf gesenkt, ihre Schultern zitterten unter der Last eines zu lange gehüteten Geheimnisses. „Er heißt Robert“, hauchte sie.
„Robert“, wiederholte Friedrich. Der Name war ein Auslöser. Im Hinterkopf tauchte die Erinnerung an einen Streit im Jahr 1985 auf – sein Vater, der Patriarch, schlug einen Mahagoni-Stock auf einen Tisch und schrie, sein Bruder sei für die Familie tot, er habe „das Blut befleckt“, indem er mit der Tochter eines Dienstmädchens durchgebrannt sei.
„Mein Onkel“, atmete Friedrich. „Mein Vater erzählte mir, er sei bei einem Autounfall in Paris ums Leben gekommen. Vor dreißig Jahren.“
„Ihr Vater hat gelogen“, sagte Gisela, ihre Stimme bekam einen scharfen, bitteren Unterton. Sie ging zu dem Mann im Stuhl und wischte ihm sanft einen Speichelfaden vom Kinn. „Ihr Vater wollte die ‚Schande‘ eines Bruders mit gebrochenem Geist nicht. Als Robert seinen Schlaganfall erlitt, als die ‚Dienstmagd-Tochter‘, die er liebte – meine Schwester – bei der Geburt starb, bezahlte Ihr Vater die Ärzte für eine Todesbescheinigung. Er gab mir die Wahl: Ich konnte Robert und das Kind nehmen und mit einer kleinen monatlichen ‚Pension‘ in den Slums verschwinden, um uns ruhig zu halten, oder er würde uns alle in die staatliche Irrenanstalt stecken. Er wusste, dass ich Robert wie mein eigenes Blut liebte. Er wusEr nickte, ein Kloß bildete sich in seiner Kehle, und er öffnete ihr die schwere, mahagonifurnierte Tür.



